Wenn die Realität den Visionär einholt

Gary Shteyngart gehört zu den erfolgreichsten Vertretern der jungen amerikanischen Literatur. Sein dritter Roman „Super Sad True Love Story“ spielt zwar in den USA der Zukunft, ist aber zum Teil bereits von der Realität eingeholt worden. Jetzt ist die von Kritikern hochgelobte Liebesgeschichte auch auf Deutsch erschienen.

Von Claudia Sarre, NDR-Hörfunkstudio New York

Im 6. Stock eines alten Backstein-Baus in Manhattan. Ein kleiner Mann mit lichtem schwarzem Kräusel-Haar macht die Tür auf. Weiße, haarige Männerbeine unter den Bermuda-Shorts, eine riesige Brille auf der Nase. Hinter ihm ein penibel aufgeräumtes Apartment. Das soll Gary Shteyngart sein, einer der derzeit angesagtesten Jung-Literaten der USA? Einer der schärfsten Kritiker der amerikanischen Gesellschaft?

Zur Person

Als Gary Shteyngart (39) vor einem Jahr seinen Roman „Super Sad True Love Story“ auf Englisch veröffentlichte, traf er den Nerv der Zeit: Denn der in der UdSSR geborene New Yorker hatte eine präzise Vision des sozioökonomischen Zerfalls der USA geschaffen. Seither ist er ein weltweit gefragter Analyst amerikanischer Zustände. (Foto: Brigitte Lancombe)

„Immer, wenn ich mal meine Leser treffe, sehe ich, dass sie genauso aussehen wie ich – ein kleiner Stamm von Nerds“, sagt er. Auch Gary Shteyngart ist das, was man einen „Nerd“ nennt: ein etwas verschrobener, intellektueller Außenseiter. Einer, der noch richtige Bücher liest. Ähnlich wie sein Protagonist, Lenny Abramov, in seinem neuen Roman „Super Sad True Love Story“. 

„Schau mich gut an, Tagebuch“, liest man darin. „Was siehst du? Einen schmächtigen Mann mit grauem Gesicht, eingefallen wie eine alte Festung, mit eigenartig feuchten Augen, riesiger glänzender Stirn, auf der ein Dutzend Höhlenmenschen hübsche Zeichnungen hätten hinterlassen können, einer Sichelnase, die über winzigen Kräusellippen thront, und, am Hinterkopf, einer immer größer werdenden Kahlstelle exakt in der Form des Bundesstaates Ohio, dessen Hauptstadt Columbus ein dunkelbrauner Leberfleck markiert.“

„China verscheuert US-Staatsanleihen und Amerika ist pleite“

Shteyngarts Liebesgeschichte spielt in nicht allzu ferner Zukunft. In einem Amerika, in dem Chaos herrscht, wo der Dollar nichts mehr wert ist und die Staatsschulden völlig außer Kontrolle geraten sind. Noch während des Schreibens hat die Realität Shteyngart eingeholt. Seine Zukunftsvision des Staatsbankrotts ist fast Wirklichkeit geworden.

„Genau das ist ja das Thema meines Romans: China verscheuert US-Staatsanleihen und Amerika ist pleite. Meine Prophezeihungen sind plötzlich Wirklichkeit“, sagt er.

Analog gegen digital

New York
„Lenny“ steckt im New York des 20. Jahrhunderts fest: Er tickt noch analog.

Sein Held, der russischstämmige Lenny, steckt im 20. Jahrhundert fest. Er ist hoffnungslos altmodisch, wird belächelt, weil er „Bücher“ liest. Er tickt noch analog. Wohingegen seine blutjunge Geliebte, die koreanische Eunice, digital funktioniert: effektiv, berechnend, rational. Was sich zwischen ihnen entwickelt, ist nicht gerade „romantisch“.

„Unsere Vorstellung von Romantik gibt’s nicht mehr“, sagt Gary Shteyngart. „Bald wird sich die Mehrheit aller Menschen übers Internet kennenlernen und Beziehungen führen, die eher digital sind als körperlich.“

Lenny ist hin- und hergerissen zwischen der längst vergangenen sinnlichen Körperlichkeit und der neuen modernen Sexwelt: „Fabrizia. Die weichste Frau, die ich je berührt hatte. Ihr von kleinen Haar-Armeen belagerter Leib, ihre von Kohlenhydraten geformten Kurven, nichts als Alte Welt in ihrer sterbenden nichtelektronischen Körperlichkeit. Und vor mir: Eunice Park. Eine Frau in Nano-Größe, die wahrscheinlich noch nie das Kitzeln des eigenen Schamhaars gespürt hatte, der sowohl Brust als auch Körpergeruch fehlten, die ebenso auf dem Display eines Äppäräts wie vor meinen Augen auf der Straße existierte.“

Der „Äppärät“ gibt umfassend Auskunft

Auch der „Äppärät“ ist eine von Shteyngarts fantasievollen Erfindungen. In seiner Vision tragen die Menschen ein elektronisches Gerät um den Hals. Es ist dem heutigen iPhone ähnlich, kann aber noch mehr: „Darauf sind auch die sexuellen Vorlieben sehr anschaulich vermerkt, so dass man weiß, was man erwarten kann, wenn man jemanden kennenlernt“, erklärt er.

Natürlich ist es kein Zufall, dass die Liebenden Immigranten sind. Auch Gary Shteyngart ist mit sieben Jahren als russischer Jude in die USA gekommen. Er ist weder Amerikaner noch Russe, sagt er, am ehesten New Yorker: „In New York ist jeder Immigrant. Das Aufwachsen mit anderen Wertvorstellungen hilft einem dabei, das Ganze mit Abstand zu betrachten und zu erkennen, wow – dieses Land ist wahnsinnig!“

Einmal im Jahr für Depressionen nach Russland

Einmal im Jahr fährt der 39-jährige Sonderling zurück in die Heimat, nach St. Petersburg – obwohl er dort keine Verwandten mehr hat: „Das ist ja der Grund dorthin zu fahren, weil dort keine Familie ist. Es ist schön, man bekommt für ein paar Wochen Depressionen und dann fährt man wieder nach Hause“, sagt er sarkastisch und verzieht dabei keine Miene. Wahrscheinlich findet er das, was er da sagt, wirklich nicht lustig. Ein verschrobener Intellektueller eben.

Irgendwie verhält es sich so auch mit seinem Buch. Die supertraurige, wahre Liebesgeschichte ist eine manchmal witzige, völlig überdrehte Satire, sprachlich höchst originell, aber letztlich doch ziemlich deprimierend.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.