Das Leiden der Kinder von Haeju

Nordkorea ist von chronischem Lebensmittelmangel betroffen, in den 1990er-Jahren starben bereits Tausende Menschen bei einer Hungersnot. Laut der UNO brauchen dort derzeit rund sechs Millionen Menschen dringend Hilfe.

Von Nils Kinkel, ARD-Studio Ostasien

Es regnet seit Wochen in Strömen – auch die zweieinhalb Stunden auf der Fahrt von Pjöngjang in Richtung Süden. Es geht vom Schaufenster Nordkoreas in das Armenhaus. In der Kornkammer wachsen auf den satten, grünen Feldern Reis, Mais und Kartoffeln. Die Ernte im Herbst droht davonzuschwimmen und dabei gibt es nach dem harten Winter schon jetzt nichts mehr zu Essen. Jeder Vierte im Land hungert, so die Schätzungen des Welternährungsprogramms.

Straße im Regen
Straßenbild in der Hafenstadt Haeju – viele Bewohner außerhalb von Pjöngjang sind den täglichen Überlebenskampf gewohnt.

Der Anblick der ausgemergelten Kinder im Krankenhaus von Haeju ist erschütternd: „Ich habe Bauchweh, hatte drei Tage Durchfall“, flüstert der fünfjährige Kim Jin Song leise – und hält sich dabei die Hand auf den Bauch. Der starke Regen der letzten Wochen hat das Trinkwasser verunreinigt und die Situation für die geschwächten Kinder in der Region verschlimmert.

Akut unterernährt

Bernd Göken ist Geschäftsführer  von Cap Anamur. Er besucht die Kinderklinik in Haeju schon das zweite Mal in diesem Jahr. „Die Kinder hier auf der Station geht es ziemlich schlecht, es sind die akut Unterernährten“, erklärt Göken. „Die sehen deutlich älter aus vom Gesicht her und sie haben sehr stark abgenommen.“

Unterernährtes Kind
Viele Kinder in der Klinik von Haeju warten vergeblich auf Essen und Medikamente. Nach dem harten Winter gibt es kaum noch Lebensmittel auf dem Land.

Anfang des Jahres erreichte ihn der verzweifelte Hilferuf der nordkoreanischen Botschaft: Wir brauchen dringend Lebensmittel. 2005 hatte das stalinistische Regime in Pjöngjang alle Nichtregierungsorganisationen aus dem Land geworfen und wollte sich aus eigener Kraft retten. Stattdessen hat sich die Lage verschlimmert, beklagt die Direktorin der Klinik, Zang Gum Sun: „Wir haben hier sehr viele talentierte und begabte Ärzte, aber uns fehlen Milchprodukte und Lebensmittel, um die Kinder schnell aufzupäppeln. Einige Geräte hier funktionieren noch, aber ich fühle mich sehr schlecht, weil wir die Kinder nicht medizinisch versorgen können.“

Das einzige Röntgengerät in der Kinderklinik kommt aus China. Es ist kaputt. Auch im Operationssaal sieht es nicht besser aus. Vor zehn Jahren war er mit Spendengeldern von Cap Anamur gebaut worden. Göken wirft deshalb einen kritischen Blick in den OP. Er erkundigt sich nach dem Narkosegerät. Das sei „so langsam kaputt gegangen“, so die Antwort.

Zang Gum Sun
Zang Gum Sun (47) ist Direktorin der Kinderklinik in Haeju. Sie fühlt sich schlecht, weil sie die Unterernährten nicht ausreichend versorgen kann.

„Die meisten Dramen spielen sich zu Hause ab“

Obwohl die Perspektive fehlt, fühlen sich die überforderten Mütter wenigstens geborgen in der Klinik. Sie klopfen ihren geschwächten und vernarbten Kindern auf die Brust, streicheln ihnen den Kopf und summen koreanische Kinderlieder. In den Zimmern ist es ansonsten mucksmäuschenstill. 50 Ärzte und 30 Schwestern kümmern sich um die akut Unterernährten. Die 200 Betten sind aber nur zur Hälfte belegt, neben Lebensmitteln fehlen vor allem Medikamente.

Mutter mit Kind
Nur wenige Mütter kommen mit ihren Kindern überhaupt ins Krankenhaus. Es gibt zwar ausreichend Ärzte, aber auch hier warten sie vergeblich auf Reis.

„Wir sehen nur wenige Kinder stationär“, sagt Göken. „Die meisten Kinder werden zu Hause sein. Denn hier wird klar, hier passiert nichts. Ich denke die meisten Dramen werden sich zu Hause abspielen, die werden wir nicht sehen.“

Warten auf den „Anamur“-Reis

Die Nordkoreaner sind sehr stolz  – und sie schämen sich, das Leid ihrer Bevölkerung zu zeigen. Die Hungersnot und das Elend auf dem Land sind aber nicht mehr zu übersehen. Deshalb ist die Dankbarkeit auch sehr groß für jede Spende aus dem Ausland. In Haeju haben sie den Lebensmitteln schon einen neuen Namen gegeben, sie warten auf die nächste Ladung „Anamur-Reis“.

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