Eine laute Demonstration gegen soziale Ungerechtigkeit

Zehntausende Israelis sind am Samstagabend landesweit gegen soziale Ungleichheit und steigende Lebenshaltungskosten auf die Straße gegangen. Allein in Tel Aviv versammelten sich rund 50.000 Menschen. Ministerpräsident Netanjahu kündigte inzwischen Veränderungen an. Er werde ein Team von Ministern und Experten damit beauftragen, einen „vertretbaren und realistischen Plan zur Erleichterung der wirtschaftlichen Bürde der israelischen Bürger“ zu entwerfen.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

„Das Volk will soziale Gerechtigkeit, keine Almosen“ – das ist der Slogan, den die Israelis an diesem Samstagabend in die Straßen von Tel Aviv tragen. 50.000 sollen es hier sein, zwischen 80.000 und 120.000 im ganzen Land.

Es ist eine laute Demonstration, Ärger hat die Leute auf die Straße gebracht. Und trotzdem sind die Menschen fröhlich, in aufgekratzter Stimmung. Die meisten Transparente sind handgeschrieben und aus Pappe. Eltern haben ihre Kinder dabei, auf den Schultern oder im Kinderwagen.

Menschen demonstrieren in Tel Aviv
Bis zu 50.000 Menschen sind allein in Tel Aviv gegen soziale Ungerechtigkeit und hohe Lebenshaltungskosten auf die Straße gegangen.

Sorgen um die jüngere Generation

Raphael Hirsch ist mit seinen beiden schon erwachsenen Kindern gekommen: „Wir machen uns Sorgen um die jüngere Generation, die haben so viele Probleme eine vernünftige Wohnung zu finden. So viele Probleme ein Auskommen zu finden.“ Alles sei so teuer geworden.

Angefangen hat es vor zwei Wochen mit kleinen Zelten zwischen den Bäumen auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv. Die Zeltlager sind inzwischen ein mächtiges Symbol für den Protest gegen teure Wohnungen.

Aber es geht schon längst nicht mehr nur um die Mieten, sondern auch um die hohen Lebensmittelpreise, die Ausgaben für Kinderbetreuung oder Benzin. Immer mehr israelische Familien kämen mit ihrem Einkommen nicht mehr aus, erklärt Jesse, der schon wie vergangene Woche auf der Demonstration ist.

Das Gefühl, von der Politik allein gelassen zu werden

„Unsere Regierung ist nicht für uns da“, beschwert er sich. Sie lebe auf einem anderen Planeten. „Die wissen nicht von unseren Bedürfnissen. Was sie machen, hilft uns nicht. Es ist, als ob es da keine Verbindung mehr gibt“, meint er. „Die Leute wollen einen Wohlfahrtsstaat“, sagt er weiter.

Bei den meisten Demonstranten in Tel Aviv ist es wohl das Gefühl, von der Politik allein gelassen zu werden. Jesse meint: „So viele Leute hier, die die Straßen blockieren, die gemeinsam soziale Gerechtigkeit einfordern. Das ist wirklich neu. Das ist eine völlig neue Sichtweise.“

Wohin der Protest führen soll? Das kann keiner so richtig sagen. Jetzt soll es jedenfalls einmal nicht um Militär- oder Machtpolitik gehen wie sonst in Israel, sondern um die Bedürfnisse der Menschen. Viele meinen: Jetzt geht es wirklich um die Zukunft Israels.

Der Druck auf die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steigt. Parlamentspräsident Reuven Rivlin will darüber abstimmen lassen, die Abgeordneten der Knesset erst einmal nicht in die Sommerpause gehen zu lassen. Weitere Proteste sind angekündigt.

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