Zwei-Klassen-Vertrag oder notwendiger Schritt?

Die Empörung bei den Zeitungsredakteuren ist groß: Das aktuelle Tarifangebot des Verlegerverbandes sieht deutliche finanzielle Einschnitte vor – vor allem bei Berufseinsteigern. Die Gewerkschaften warnen vor einem Zwei-Klassen-Vertrag. Die Verleger verweisen dagegen auf sinkende Einnahmen.

Von Jan Ehlert, tagesschau.de

Tarifstreits gehören für die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fast schon zum Alltag. Doch das aktuelle Angebot des Bundesverbandes der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) empört die Gewerkschafter ganz besonders. „Dass ein Manteltarifvertrag derart starke Gehaltskürzungen für Berufseinsteiger vorsieht, das gibt es bislang in keiner Branche“, so ver.di-Sprecherin Cornelia Haaß. Bis zu 15 Prozent sollen Journalisten, die zukünftig eingestellt werden, weniger verdienen als ihre bereits angestellten Kollegen. Dazu kommen Kürzungen bei der Altersvorsorge und bei vertraglich festgeschriebenen Lohnerhöhungen. Nach Berechnungen des Deutschen Journalistenverbandes DJV bedeutet das insgesamt rund 30 Prozent weniger Geld für Neueinsteiger.

Zeitungen an einem Zeitungsständer
Tageszeitungen sind weiterhin beliebt: Rund 24 Millionen Exemplare werden pro Tag verkauft.

Einsparungen, die nicht schön, aber notwendig seien, sagt Anna Pasquay vom BDZV. Zwar sei die Reichweite der Zeitungen weitgehend stabil – im ersten Quartal 2011 wurden pro Tag rund 24 Millionen Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen verkauft. Das Anzeigengeschäft sei aber durch die zunehmende Verlagerung ins Internet eingebrochen. Der Gesamtumsatz in diesem Bereich sei 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp sieben Prozent gesunken: von 9,09 Milliarden auf 8,46 Milliarden Euro.

„Verträge sind nicht mehr zeitgemäß“

Eine Tendenz, die sich bereits seit einigen Jahren feststellen lässt – und die die Verleger mit Sorge beobachten. Die Manteltarifverträge für Redakteure, die noch aus den 70er- und 80er-Jahren stammten, seien daher nicht mehr zeitgemäß, so Pasquay. Seit 2003 sei man daher in Verhandlungen mit den Gewerkschaften, um Korrekturen an den bestehenden Verträgen vorzunehmen. Doch diese hätten auf stur geschaltet. Daher müsse man nun bei den Verträgen der Neueinsteiger ansetzen.

Dieser Vorwurf macht ver.di-Sprecherin Haaß wütend. Man sei den Verlegern bereits stark entgegengekommen, sagt sie. So habe man 2006 einem neuen Manteltarifvertrag zugestimmt, der für die Redakteure deutlich schlechtere Bedingungen bedeutete. Dazu komme eine gestiegene Belastung der Journalisten. Neben den Printausgaben müssten sie vermehrt auch Inhalte für die Online-Seiten der Zeitungen verfassen – ohne dafür mehr Gehalt zu bekommen.

„Gespart werden könnte woanders“

Streikende Redakteure in Stuttgart
Sparen ja, aber nicht beim Gehalt: Seit Monaten demonstrieren Redakteure gegen die geplanten Einschnitte im Tarifvertrag.

Etwas moderater sieht es Hendrik Zörner vom DJV. Dass die Verleger sparen müssten, dafür habe er grundsätzlich Verständnis. Doch bei den Personalkosten zu kürzen sei eindeutig der falsche Weg. „In der Vergangenheit sind die Produktionskosten durch neue Drucktechniken und andere technische Verbesserungen deutlich gesunken“, sagt er. Eine Zeitung herzustellen sei heute also viel billiger als noch vor zehn Jahren. Das werde von den Verlegern jedoch gern verschwiegen.

Ein Argument, das Pasquay für wenig aussagekräftig hält. Die meisten Kosten entstünden durch das Personal. Daher müsse auch hier weiter gekürzt werden.

Die Fronten sind also verhärtet. Dennoch scheint es etwas Bewegung zu geben. Vor der Verhandlungsrunde in Hamburg hatten die Verlegerverbände angekündigt, auf die Forderung nach abgespeckten Einstiegsgehältern doch noch zu verzichten, aber nur, wenn im Gegenzug die Gewerkschaften Senkungen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld zustimmen – von derzeit 1,75 Monatsgehältern auf ein Monatsgehalt.

„Der Qualitätsjournalismus nimmt Schaden“

Dieses Angebot wurde von den Gewerkschaften zurückhaltend aufgenommen. Für Zörner geht es aber nicht nur um Geld, sondern auch um das Ansehen des Journalismus. „Informationen gibt es im Internet zwar kostenlos, umso wichtiger ist es aber, dass diese kompetent nachrecherchiert und eingeordnet werden. Dafür brauchen wir Qualitätsjournalismus“, sagt er. Noch gibt es jährlich rund 2000 Menschen, die sich bei Journalistenschulen und Zeitungen um eine Ausbildung bewerben. Doch sollten die Einstiegsgehälter derart gesenkt werden, dann, so befürchtet Zörner, würde das Interesse an Beruf des Zeitungsredakteurs sinken – und das würde langfristig auch dem Journalismus in Deutschland schaden.

Das wollen natürlich auch die Verleger verhindern. „Die Stärkung des Qualitätsjournalismus ist natürlich auch in unserem Interesse“, betont Pasquay. Zu welchem Preis dieser zu haben ist, auch darüber müssen nun die Verhandlungsführer entscheiden.

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