Keine Zinserhöhung in den Ferien

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Die Inflation geht um in Euroland. Langsam und manchmal auch verschleiert, frisst sie sich unerbitterlich überall in die Preise hinein. Kaum ein Produkt, das in den letzten Wochen nicht teurer geworden ist. Denn die steigenden Kosten werden von den Herstellern direkt an die Kunden weitergegeben.

Im Büroturm der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main ist man schon seit längerem über diese Entwicklung alarmiert. Fast überall in der Währungsunion liegen die Werte über dem selbst gesteckten Ziel einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent. In Österreich stieg die Teuerung auf 3,7 Prozent, in Finnland liegt sie bei 3,4 Prozent, in Spanien bei 3,0 Prozent und in Estland sogar bei 4,9 Prozent. Das einzige Land, in dem die Rate unterhalb des Ziels liegt, ist Slowenien mit 1,6 Prozent. Deutschland liegt im Mittelfeld mit 2,4 Prozent.

„Wir haben Preisstabilität versprochen. Und wir haben sie geliefert.“

Die Währungshüter sorgen sich, auch bei dieser zentralen Aufgabe ihren guten Ruf zu verlieren. Stolz präsentiert EZB-Präsident Jean-Claude Trichet derzeit bei jeder Gelegenheit eine Zwischenbilanz der ersten beiden Amtszeiten von ihm und seinem Kollegen Wim Duisenberg. Danach sei es der EZB gelungen, die Inflationsrate in den über zwölf Jahren ihres Bestehens nahe am gesteckten Ziel zu halten. Für Deutschland sei das Ergebnis sogar besser als zu Zeiten der Deutschen Bundesbank. „Wir haben Preisstabilität versprochen. Und wir haben sie geliefert“, sagt Trichet im ARD-Interview. Das stimmt. Und darauf können die Währungshüter auch stolz sein.

Aber diese Bilanz könnte sich schnell ändern. Denn jeder Monat, in dem die Werte höher liegen, verschlechtert sie – und lässt die Bürger zweifeln, ob die EZB langfristig tatsächlich in der Lage ist, eine stabile Währung zu garantieren. Deshalb, aber auch wegen der anhaltenden Schuldenkrise, reagieren viele. Wie schon vor der Einführung der Währungsunion verlagern sie ihre Ersparnisse in die Schweiz. Der Kurs des Franken legt derzeit massiv zu, der Euro notiert gegenüber der Schweizer Währung nahe eines Rekordtiefs.

An der Zinsschraube wird wohl nicht gedreht

Man beobachte die Teuerung „mit sehr großer Wachsamkeit“, sagte Christian Noyer, EZB-Ratsmitglied und Chef der französischen Notenbank, deshalb kürzlich in einem Zeitungsinterview. Damit löste er viel Wirbel aus. Normalerwiese deutet die EZB mit diesen Worten eine weitere Zinserhöhung an. Doch die Volkswirte sind sich einig, dass dies für die EZB-Ratssitzung in dieser Woche eher unwahrscheinlich ist. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass die Währungshüter jetzt in der Ferienzeit nicht an der Zinsschraube drehen werden.

Warum die Akteure an den Finanzmärkten davon ausgehen, dass auch die im Herbst erwartete Zinserhöhung nicht stattfindet, ist allerdings kaum nachzuvollziehen. Auch wenn die EZB gegen die rasant steigenden Energie- und Rohstoffpreise mit ihrer Zinspolitik nicht viel ausrichten kann, sind sich die Währungshüter im Klaren darüber, dass sie handeln müssen. Schon allein aus symbolischen Gründen. Und um ihren Ruf zu wahren. Spätestens im November dürfte die EZB die Zinsen daher erneut anheben.

Klaus-Rainer Jackisch schreibt bei tagesschau.de regelmäßig seine Kolumne Euroschau, in der er einen Blick auf die monatliche EZB-Ratssitzung wirft.

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