Zwischen Ärztemangel und Überversorgung

Die Zahl der zugelassenen Ärzte steigt, die flächendeckende Versorgung nimmt dagegen ab. Warum ist eine Praxis auf dem Land für viele Mediziner so unattraktiv? Und was will die Regierung dagegen tun? tagesschau.de hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengestellt.

Wie viele Ärzte gibt es in Deutschland?

Die Zahl der niedergelassenen Ärzte in Deutschland nahm in knapp 20 Jahren um mehr als die Hälfte zu, von gut 92.000 auf zuletzt etwas mehr als 137.000 (Stand: Ende 2009). Zugleich erhöhte sich die Arztdichte pro 10.000 Einwohner von knapp 30 auf 38.

Kann man tatsächlich von einem Ärztemangel sprechen?

Eigentlich nicht, doch die Verteilung der Ärzte stimmt nicht mehr. In manchen Gegenden gibt es gar keine Mediziner mehr. Junge Mediziner – jedes Jahr beginnen rund 10.000 Abiturienten ein Medizinstudium – lassen sich nach dem Examen vorzugsweise nicht dort nieder, wo sie gebraucht werden, sondern dort, wo sie gerne leben möchten. Beliebt sind Regionen mit vielen Privatpatienten. Eine Praxis in Gebieten mit vielen, vor allem älteren Kassenpatienten erscheint unattraktiv: Lange Arbeitszeiten, vergleichsweise bescheidenes Einkommen. Wegen attraktiverer Bedingungen zieht es Jungmediziner vermehrt ins Ausland oder in die Industrie, die gezielt um Ärzte wirbt.

Wie ist die aktuelle Situation?

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) liegt die Zahl der für die Patientenversorgung unbedingt notwendigen, aber dennoch unbesetzten Praxen bundesweit bei 550. Auf Ostdeutschland entfallen davon 300, auf Westdeutschland 250 Praxen. Allein 181 sind es in Niedersachsen. In den nächsten zehn Jahren gehen laut KBV zudem 67.000 Mediziner in den Ruhestand. Für 7000 Praxen findet sich Schätzungen zufolge bis dahin kein Nachfolger. Die KBV und ihre regionalen Gliederungen sind zuständig, für eine ausreichende, flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung zu sorgen. Dies gelingt immer weniger. Die Zahl der Zugänge bei den Kassenärzten war 2009 gleichwohl immer noch größer als die Zahl der Abgänge.

Welche Anreize will die Regierung schaffen?

Sie will junge Ärzte mit mehr Geld aufs Land locken. Wer sich als Mediziner in unterversorgten Gegenden niederlässt, für den soll es bei der Honorarabrechnung keine Obergrenze geben – und folglich auch keine Abstaffelung bei der Honorierung, wenn die Durchschnittswerte überschritten werden. Mit dem Versorgungsstrukturgesetz soll es auch möglich werden, dass Kassenärztliche Vereinigungen (KV) oder Kommunen Arztpraxen einrichten, um Mediziner anzulocken. Diese müssen künftig nicht mehr dort wohnen, wo sie praktizieren. Zur Entlastung der Hausärzte sollen die Krankenhäuser vermehrt in Notfalldienste einbezogen werden. Wenn sich überhaupt kein niederlassungsbereiter Arzt für eine Region findet, sind auch Praxen auf Rädern geplant: Sie könnten nach festem Fahrplan die Dörfer abfahren. Krankenhäuser sollen verstärkt auch in die ambulante Versorgung einbezogen werden. Geprüft werden soll, welche ärztlichen Tätigkeiten Schwestern oder Pfleger übernehmen können.

Was soll gegen die Überversorgung unternommen werden?

Bestrafungsaktionen in Form von Honorarabschlägen für Ärzte in überversorgten Ballungsgebieten sind nicht vorgesehen. Allerdings können die Kassenärztlichen Vereinigungen Arztpraxen aufkaufen und schließen, wenn die Inhaber in den Ruhestand gehen. Sie müssen dies aber nicht. Die KBV möchte von Überversorgung gar nicht sprechen: Viele Stadtärzte versorgten auch Patienten aus dem Umland. In Koblenz zum Beispiel liege diese Quote bei 60 Prozent.

Was passiert bei den Ärztehonoraren?

Nach dem neuen Gesetz sollen künftig die Kassenärzlichen Vereinigungen statt der Kassenärztlichen Bundesvereinigung das Honorar für die Ärzte ihrer Region aushandeln. Damit könnten lokale Besonderheiten besser berücksichtigt werden, argumentiert Gesundheitsminister Daniel Bahr. Kritiker wie die SPD-Gesundheitspolitikerin Carola Reimann befürchten, dass damit nicht die Versorgung der Patienten, sondern allein die Versorgung der Ärzte verbessert wird. Sie erwartet, dass dann „in überversorgten Gebieten auch die höchsten Honorare gezahlt werden“.

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