Auf der „Jungfrau“ herrscht der Massentourismus

Vor genau 200 Jahren genossen die ersten Bergsteiger den Ausblick vom Gipfel der „Jungfrau“. Heute ist die Einsamkeit auf Schweizer Berg passé: Die Touristen kommen zu Tausenden. Möglich macht’s die „Jungfrau“-Bahn.

Von Mathias Zahn, ARD-Hörfunkstudio Genf

Keine Steigeisen, keine Eispickel, keine Sonnenbrillen gegen das grelle Licht: Der Aufstieg hoch zur „Jungfrau“ vor 200 Jahren war ein großes Abenteuer. Die Bergsteiger hatten nur ein Seil, einfache Bergstöcke und eine Leiter. Drei Tage brauchten die Industriellen-Söhne Johann Rudolf und Hieronymus Meyer zusammen mit den beiden Führern Joseph Bortis und Alois Volker für die Besteigung. Am 3. August 1811 am frühen Nachmittag standen sie dann auf dem Gipfel – 4158 Meter hoch über dem Meer.


Der Blick auf die „Jungfrau“ an einem wolkenlosen Tag

Der Schweizer Historiker Peter Brunner sagt: „Die Leidenschaft für die Berge haben die Meyer-Brüder von ihrem Vater geerbt – einem reichen Industriellen aus Aarau.“ Er rief den ersten Atlas der Schweiz ins Leben, der als erstes geographisches Werk 1813 erschien. Und wenn man einmal die Faszination der Berge gespürt habe, so Brunner weiter, müsse man einfach hoch – da könne man nicht mehr unten bleiben.

Die Erstbesteiger hatten Pech

Doch die Erstbesteiger hatten Pech: Sie hissten im jungfräulichen Gipfelschnee ein schwarzes Leinentuch, das vom Tal aus nicht zu sehen war. Die Menschen unten zweifelten am Erfolg der Expedition. Zwei der Bergpioniere mussten ein Jahr später noch einmal auf den Gipfel. Dieses Mal war die Fahne zu sehen und der Erfolg wurde anerkannt.

An den heute boomenden Bergtourismus dachte Anfang des 19. Jahrhunderts am Fuße der Jungfrau jedoch keiner. „Die Menschen da oben haben in ärmlichen Verhältnissen gelebt“, berichtet Brunner, „und so kam auch niemand auf die Idee, dass man die Berge besteigen und am Schluss wirtschaftlich davon profierten kann.“ Das sei erst mit dem Alpinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aktuell geworden. 1912 wurde die „Jungfrau“-Bahn eingeweiht: Das war der Beginn des Massentourismus.

Heute kommen täglich Tausende

Heute kommen im Sommer täglich Tausende. Mit der Einsamkeit der Erstbesteiger vor 200 Jahren ist es schon lange vorbei, wissen routinierte „Jungfrau“-Fans: „Wenn man das in Ruhe genießen will, sollte man mit der ersten Bahn fahren. Ab dann wird es unerträglich. Es sind so viele Menschen hier oben, dass es wirklich nicht mehr angenehm ist.“

Denn der Konsum ist auf 3500 Metern angekommen. Am Kiosk der Bergstation herrscht reger Betrieb. Touristen wollen Souvenirs und probieren kleine Kuhglocken aus. Die Kiosk-Besitzerin macht gute Umsätze mit ihrem Sortiment. „Postkarten natürlich, Bücher, Schokoladen, Mützen, Handschuhe – alles.“

Der Versuch, dem Trubel zu entkommen, lohnt sich: Wer einen ruhigen Moment auf der Aussichtsplattform erwischt, der wird – wie vor 200 Jahren – mit einem gigantischen Ausblick belohnt.

Original, Google Cache, archive.org

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