Wenn sich Kunstschätze in Luft auflösen

Kostbare Bilder, Teppiche, Kunstgegenstände – ständig verschwinden teure Stücke der Inneneinrichtung in diversen Ministerien und Botschaften Frankreichs: Von 133.000 Objekten sind im Laufe der Jahrzehnte 16.000 einfach futsch. Offenbar geht beim Postenwechsel auch manchmal das Inventar mit.

Von Evi Seibert, ARD-Hörfunkstudio Paris

Minister und Staatssekretäre leben in Frankreich wie kleine Könige. Sie residieren in pompösen Stadtpalästen mit Arbeitszimmern, die die Größe eines Einfamilienhauses haben. Sowas will natürlich standesgemäß möbliert werden. Dafür gibt es eine nationale Denkmalverwaltung, die hunderttausende Kunstobjekte, Möbel und Teppiche aus der Zeit von Ludwig dem XIV. quer durch alle Epochen hortet. Sie verleiht sie an Ministerien, Präfekturen und Botschaften. 

Jedes zehnte Objekt verschwindet

Dummerweise haben diese wertvollen  Objekte aber die fatale Eigenschaft, sich im Laufe der Jahre in Luft aufzulösen. Jedes zehnte verschwindet einfach. Einige tauchen aber später auf dem grauen Markt wieder auf, sagt Jean Fouace, der diese nationalen Möbelschätzchen verwaltet: „Drei kostbare Teppiche wurden in einer Pariser Galerie zum Kauf angeboten.“ Auf die Frage, ob man herausgefunden habe, wer der Verkäufer gewesen sei, antwortet er: „Nein, nein, da habe ich keine Information“, sagt er – souffliert von seinem Chef.

Beim Postenwechsel geht offenbar auch das Inventar mit

Denn das Ganze ist eine höchst peinliche Angelegenheit. Offensichtlich lassen Minister, Botschafter oder Parlamentsabgeordnete munter wertvolles Inventar mitgehen, wenn sie den Posten wechseln. Als Andenken an die schöne Ministerzeit oder als Rache für den Rausschmiss – alle Varianten sind denkbar. Da bis vor ein paar Jahren die Gegenstände aber nicht durchgehend katalogisiert worden waren, konnte man den Diebstahl nicht nachverfolgen.

16.000 Werke unauffindbar

Erst diese Woche hat der Rechnungshof in seinem aktuellen Bericht noch einmal darauf hingewiesen, dass sich zahlreiche Objekte selbstständig gemacht hätten. Von ursprünglich 133.000 Objekten sind im Lauf der Jahrzehnte 16.000 nicht mehr aufzufinden. Nur bei 150 besonders teuren Objekten wurde Anzeige erstattet: „Ein alter holländischer Meister ist dabei und ein Teppich von Miro, ein großes Werk der zeitgenössischen Kunst- das hing vor seinem Verschwinden früher einmal in der französischen Botschaft in Washington“, sagt Jean-Pierre Bady, der Vorsitzende der Kommission für Inventar.

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Diplomatische Verwicklungen um ein Gemälde

Selbst wenn ein solches  Meisterwerk wieder auftaucht, kann das zu diplomatischen Verwicklungen führen: So hing im polnischen Nationalmuseum das Bild des  „Barmherzigen Samariters“ von Ribot. Gleichzeitig stand es aber auf der Inventarliste des französischen Staates. Jahrelang hatte es nämlich vorher die französische Botschaft in Warschau geschmückt. Dieser Fall hatte immerhin ein Happy End: Der polnische Staat gab das Bild nach mehr als 50 Jahren an Frankreich zurück.

Dass der aktuelle französische Präsident Sarkozy am Ende seiner Amtszeit was aus dem Elysee mitgehen lässt – ein offenbar gern gepflegtes Hobby seiner Vorgänger – ist übrigens eher unwahrscheinlich. Seine Frau Carla steht nicht auf den Pomp im Palast.

Original, Google Cache, archive.org

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