Gedenken im Zeichen von Fukushima

Im japanischen Hiroshima haben die Menschen des ersten Atombombenabwurfs vor 66 Jahren gedacht. Aber diesmal stand nicht allein die Geschichte im Mittelpunkt, in vielen Reden ging es auch um die Gegenwart. Denn es ist der erste Gedenktag seit der Katastrophe von Fukushima.

Von Peter Kujath, ARD-Hörfunkstudio Tokio

Der Ablauf in Hiroshima war wie immer, aber unter den Teilnehmern waren auch Menschen aus der Umgebung des havarierten Atomkraftwerks Fukushima 1. Der 66. Gedenktag an den US-Atombombenabwurf über Hiroshima hatte deshalb eine besondere Färbung.

Hiroshima
Unter die Trauer mischt sich Wut: Proteste gegen Atomkraft beim Gedenken an den Atombombenabwurf auf Hiroshima vor 66 Jahren.

Bürgermeister Kazumi Matsui rief in seiner Friedenserklärung nicht nur zur Abschaffung aller Atomwaffen weltweit auf, sondern auch zu einem Wechsel in der Energiepolitik: „Die Katastrophe in Tepcos Kernkraftwerk Fukushima 1 und die anhaltende Gefahr von radioaktiver Strahlung hat eine enorme Angst bei den Menschen in den betroffenen Gebieten und anderswo ausgelöst. Ausgehend von der Warnung, dass Atomkraft und die Menschheit nicht koexistieren können, fordern einige gänzlich auf Atomkraft zu verzichten, andere befürworten eine strikte Kontrolle der Kernkraftwerke und eine stärke Nutzung von erneuerbaren Energien. Die japanische Regierung sollte demütig diese Realität akzeptieren.“

Es ist das erste Mal, dass in einer der Ansprachen in Hiroshima auch die friedliche Nutzung der Atomenergie in Frage gestellt wurde. Japans Premierminister, Naoto Kan, wiederholte ebenfalls sein Bekenntnis, die Energiepolitik auf eine veränderte Grundlage stellen zu wollen. „Wir haben angefangen, die Energiepolitik unseres Landes von Grund auf neu zu durchdenken. Aber wir müssen auch die Abhängigkeit von der Atomkraft verringern und darauf abzielen, eine Gesellschaft zu schaffen, die sich nicht auf die Kernenergie stützt.“

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„Kaum noch als Mensch zu erkennen“

Knapp siebzig Prozent der Überlebenden des US-Atombombenabwurfs, die sogenannten Hibakusha, sind für ein schnelles Abschalten aller Kernkraftwerke in Japan. Shuntaro Hida erinnert sich noch genau an seinen Weg durch die zerstörte Stadt, wenige Minuten nach der Explosion am 6. August 1945. Damals kamen mehr als 70.000 Menschen sofort und noch einmal so viele in den nächsten Monaten ums Leben.

„Ich bin damals so schnell ich konnte die Hauptstraße hinunter ins Zentrum von Hiroshima gefahren. Als mir der erste Mensch begegnete, erschrak ich. Ich war mir nicht sicher, ob es sich überhaupt um etwas Lebendiges handelte. Ich hatte Mühe seine Gestalt zu erkennen. Das einst weiße Hemd hing in schwarzen Fetzen von seinem Körper, ebenso wie Teile der Haut. Die Augen waren herausgetreten, die Nase fehlte und anstelle des Mundes klaffte nur mehr eine schwarze Höhle. Er war kaum noch als Mensch zu erkennen“, erinnert sich Shuntaro Hida.

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Menschen aus Fukushima fürchten Diskriminierung

Er arbeitete damals als Arzt in Hiroshima – mittlerweile ist Shuntaro Hinda 94 Jahre alt. Unmittelbar nach dem Atombombenabwurf richtete er am Stadtrand zusammen mit Kollegen eine Krankenstation ein. Seit dieser Zeit kümmert er sich um die Strahlenopfer und hat als einer der wenigen Fachleute in Japan, die Grenzwerte bezüglich der aktuellen Atomkatastrophe von Fukushima scharf kritisiert. Es sei wie damals, meint er, wie wenig offen mit der Situation umgegangen wurde. Damals, nach dem Ende des 2. Weltkriegs, hatten die USA als Besatzungsmacht den Japanern verboten, offen über das Leid und die Gefahren zu sprechen, die von der Atombombe ausgelöst worden waren.

Bei vielen der Menschen, die in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks gelebt haben oder noch immer leben, ist die Angst groß, dass sie wegen der Strahlenbelastung als moderne Hibakusha angesehen und von der Gesellschaft ausgeschlossen werden könnten. „Das ist leider möglich. Und das ist mit das traurigste, was die Hibakusha nach Hiroshima erleben mussten. Auch jetzt, in der dritten Generation, gibt es noch Probleme. Ich werde oft angerufen, da eine Hochzeit zu platzen droht, weil bekannt wurde, dass die Großeltern des Bräutigams Opfer des Atombombenabwurfs waren. So etwas könnte sich jetzt wiederholen“, fürchtet der Überlebende.

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