Panzer und Schreie – der Klang aus Hama

Insgesamt 2000 Menschen sollen seit Beginn der Proteste in Syrien getötet worden seien, und Präsident Assad ignoriert die Erklärung der UN, die in dieser Woche sein Vorgehen verurteilt hat. Alleine in der Hochburg Hama sollen am Freitag mehr als 40 Menschen getötet worden seien. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Von Jens Wiening, ARD-Hörfunkstudio Amman

„Es gibt keinen Gott außer Allah“, singen sie, „und der Märtyrer ist der von Allah geliebte – oh es ist so wunderbar unter einem Panzer zu schlafen.“ So klingt der Widerstand in Syrien. Jede Nacht gehen sie auf die Straße seit der Ramadan begonnen hat, immer nach den Abendgebeten. Jetzt am vergangenen Freitag auch wieder tagsüber. Es sind Zigtausende. Immer wieder tauchen neue Handyvideos auf. Überprüfen kann man sie nicht. Aber sie stehen im Internet und laufen beim wichtigsten Sender der arabischen Welt: Al Dschasira.

„Baschar wir wollen deinen Sturz“ – das riefen die Demonstranten noch vor ein paar Tagen in Hama, dem Zentrum des syrischen Widerstandes. Vier Wochen lang hatte sich das Militär aus Hama zurückgezogen. Dann rückten die Panzer vor knapp einer Woche wieder an. „Es sind hunderttausende auf die Straße gegangen“, erzählt ein Augenzeuge. „Die Stadt hat sich entschieden, ihren Aufstand zu verteidigen.“

Doch Hama ist auch ein Symbol für die Regierung. Vor 30 Jahren gab es genau hier einen Aufstand, damals initiiert von der Muslimbruderschaft. Der Vater von Baschar al Assad – damals noch der Präsident – ließ ihn brutal niederschlagen. 10.000, manche sagen sogar bis zu 30.000 Tote habe es gegeben. Und offenbar soll Hama ein zweites Mal fallen.

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Anmerkung der Redaktion

Die Videos stammen aus dem Internet. Wir haben den Inhalt überprüft, so weit es geht – allerdings stößt die Verifikation von Material, das online zur Verfügung gestellt wird, an Grenzen. Eine vollständige Überprüfung ist nicht möglich.

„Hama hat sich als freie Stadt gefühlt. In den letzten Wochen sind dort riesige Proteste gewesen“, erzählt Wazzim Tarif, Sprecher einer Menschenrechtsorganisation. „Die Regierung hatte Sorgen, dass sie im Ramadan über die ganze Gegend die Kontrolle verliert, die Proteste immer größer werden und dann übergreifen auf die Vororte von Damaskus. Das wollte sie unbedingt verhindern.“

Eine Stadt wird belagert. Panzer und Schreie – das ist der andere Klang aus Hama. Der erklang, nachdem die Protestrufe verstummt sind. Am vierten Tag der Belagerung ruft uns ein Aktivist an. Er nennt sich Saleh al Hamoi und sagt, er rufe aus Hama an.

„Überall sind Heckenschützen“

„Die Armee, die Sicherheitskräfte und die Geheimpolizei haben heute eine riesige Operation in der Stadt begonnen“, berichtet al Hamoi. „Wir haben Schüsse von Panzern gesehen, leichte Waffen, schwere Waffen, sie sind offenbar in der ganzen Stadt. Aber wir wissen nicht genau was passiert, die Telefone sind tot. Ich habe einen Freund per Satellit, um die Ecke am Asis Square, angerufen. Auch dort sind Sicherheitskräfte.“ Er sagt, sie verließen ihr Viertel nicht mehr: „Überall sind Heckenschützen. Sie schießen auf alles was sich bewegt.“

Vergangene Woche äußerte sich UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. „Die Ereignisse der vergangenen Tage waren brutal und schockierend“, sagt er. Der UN-Sicherheitsrat verfasst eine Erklärung, die die Gewalt gegen Demonstranten verurteilt. Die EU friert Konten ein und verhängt Einreiseverbote. US-Außenministerin Hillary Clinton nennt eine traurige Zahl: „Wir denken, dass die syrische Regierung für den Tod von 2000 Menschen verantwortlich ist.“

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Präsident Assad ignoriert die Kritik der Weltöffentlichkeit. Über seine staatliche Nachrichtenagentur lässt er weiter verbreiten, dass bewaffnete Banden die Stadt Hama terrorisierten. Das Militär müsse die Ordnung wiederherstellen. Überprüfen lässt sich das alles nicht.

Dann meldet sich ein Schweizer Journalist. Er sagt, er habe Hama am vergangenen Montag verlassen, als die Panzer immer weiter Richtung Zentrum kamen. 10 Tage sei er dort gewesen und er habe nur friedliche Proteste gesehen. Keine bewaffneten Banden. „Sie wollen Freiheit, sie wollen ihre Würde, sie wollen Gleichberechtigung – das sagen sie immer wieder. Aber an erster Stelle wollen sie Assad loswerden.“ Der Schweizer berichtet aus persönlichen Gesprächen mit Demonstranten: „Vergangenen Sonntag und Montag sagten sie, sie wollten weiter raus gehen, friedlich protestieren – sie glauben, dass sie ihn loswerden können. Ich glaube, es wird viele Leben kosten.“

„Das Blutvergießen wird nicht umsonst sein“

Mit Hoffnung sind die syrischen Demonstranten in den Ramadan gegangen. Jeden Tag wollten sie demonstrieren. Und sie tun es, bis heute.

„Das Blutvergießen der Märtyrer wird nicht umsonst sein“, hofft der syrische Menschenrechtler Rami Abdul Rahman. „Es wird der Preis sein für unsere Freiheit. Weder Obama, noch Sarkozy, oder irgendjemand sonst wird den Preis für unsere Freiheit bezahlen. Nur wir Syrer selbst. Wir wollen keine militärische Unterstützung aus dem Ausland – aber die internationale Gemeinschaft verschließt ihre Augen vor dem was in Syrien passiert.“

Original, Google Cache, archive.org

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