„Die Antwort kann nicht Plündern und Rauben sein“

Nach einem tödlichen Polizeieinsatz ist der Londoner Vorort Tottenham in der Nacht zum Sonntag von schweren Krawallen erschüttert worden: 26 Beamte wurden verletzt, 46 Randalierer festgenommen. Jetzt beginnt die Suche nach den Ursachen und den Konsequenzen.

Von Sebastian Hesse, MDR-Hörfunkstudio London

Für viele langjährige Einwohner von Tottenham war es eine Reise in eine Vergangenheit, die eigentlich bewältigt zu sein schien. Im Oktober 1986, vor knapp einem Vierteljahrhundert, erschütterten die Broadwater Estate – Unruhen das Vielvölker-Gemisch in dem Nordlondoner Stadtteil. Damals starb mit Cynthia Jarrett eine schwarze Bewohnerin des sozialen Wohnungs-Blocks Bradwater Estate, während die Polizei ihre Wohnung durchsuchte.

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  • Festnahmen und Verletzte nach Ausschreitungen in London
  • Länge: 0:01:24
  • Datum: 2011-08-07T20:20:00.000+02:00

Seither ist das Misstrauen gegenüber Polizisten in Tottenham groß und vergangenen Donnerstag, als die Polizei einen 29-jährigen Farbigen auf den Straßen von Tottenham erschoss, war die Erinnerung an die Ausschreitungen von 1986 schlagartig wieder da. Dem Parlaments-Abgeordneten für Tottenham, David Lammy, der hier aufwuchs, ging es ebenso: „Was hier am Donnerstag geschehen ist, hat drängende Fragen aufgeworfen, die beantwortet werden müssen. Aber die Antwort darauf kann nicht Plündern und Rauben sein.“

Auch Anwohner wurden beraubt

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht nur Ladengeschäfte und Geldautomaten aufgebrochen und geplündert wurden, sondern auch Privatwohnungen. Die allermeisten Einwohner von Tottenham lehnen ab, was sich hier zugetragen hat. Autos wurden abgefackelt, auch ein Doppeldecker-Bus, Häuser standen in Flammen, bei stundenlangen Straßenschlachten wurden Dutzende von Polizisten verletzt.

Straftäter kamen aus anderen Vierteln

Klar ist, dass die meisten Krawallmacher aus anderen Stadtteilen kamen und eine ursprünglich friedliche Demonstration missbrauchten. Vor der Polizeiwache von Tottenham hatten sich anfangs Demonstranten aus dem Viertel versammelt, um auf Aufklärung des Todesfalls vom Donnerstag zu drängen. Auch der Tottenhamer Geistliche, Reverend Nims Obunge, sieht den Schlüssel zu einer Deeskalation in der Klärung dieses Vorfalls: „Wir können unsere friedliche Gemeinschaft nicht wieder herstellen, bevor die Fragen beantwortet sind.“

Am Donnerstag hatte die Polizei das Auto von Marc Duggan angehalten. Die Fahrzeugkontrolle endete in einem Schusswechsel, bei dem vermutlich Duggan den ersten Schuss abfeuerte. Anschließend erschoss ein Polizist den 29-jährigen.

Polizei von Ausmaß der Gewalt überrascht

Ein Polizeisprecher räumte ein, dass die Beamten nicht mit einer derartigen Eskalation gerechnet hatten: „Wir haben gedacht, die Demo sei nicht mehr als das friedfertige Artikulieren der berechtigten Fragen von Duggans Familie. Bei dieser Demo sind wir nicht eingeschritten, sondern erst, als die extreme Gewalteskalation begann.“

Mit dem Tod des 29-jährigen beschäftigt sich jetzt die Interne Ermittlung von Scotland Yard. Londons Bürgermeister Boris Johnson hat lückenlose Aufklärung versprochen.

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