„Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit“

Aus Protest gegen soziale Ungleichheit sind in Israel Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, die meisten davon in Tel Aviv. Die Demonstranten forderten unter anderem bezahlbaren Wohnraum sowie Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitssystem.

Von Christian Wagner, ARD-Studio Tel Aviv

Es sind in dieser Nacht in Tel Aviv mindestens doppelt so viele Menschen auf der Straße wie noch vor einer Woche. Einige Schätzungen rechnen in Tel Aviv, Jerusalem, Aschdod und anderen Städten mit etwa 300.000 Demonstranten. Und das in Israel, einem Land mit nur knapp acht Millionen Einwohnern. Es ist eine der größten Kundgebungen in der Geschichte Israels. Gäbe es etwas Vergleichbares in Deutschland, wären drei Millionen Menschen auf den Beinen.

Die Israelis, die an diesem Abend zu der Demonstration gekommen sind, haben das Gefühl, etwas verändern zu können. Noah ist 35 Jahre alt und lebt in Tel Aviv. „Es ist wirklich an der Zeit, etwas zu unternehmen“, sagt er. „Wir, die Mittelschicht, haben keine Zukunft. Wenn wir nichts unternehmen, hat hier niemand eine Zukunft. Wir müssen jetzt den Mund aufmachen.

Demonstration in Tel Aviv
Demonstration in Tel Aviv: Bürger protestieren gegen hohe Lebenshaltungskosten …

Demonstration in Tel Aviv
… für eine bessere Gesundheitsversorgung sowie ein besseres Bildungssystem.

Wachsende Sorgen bei der Mittelschicht

Erdrückende Wohnungskosten, immer weiter steigende Lebensmittelpreise – die Mittelschicht hat das Gefühl, dass ihr keine Luft mehr zum Atmen bleibt. Diesmal endet der Protestzug in Tel Aviv symbolträchtig vor dem Verteidigungsministerium und anderen Regierungsgebäuden. „Wir sind hier, weil es keinen anderen Ort gibt, an dem wir alle Platz hätten“, ruft ein Demonstrant. „Diesmal sind wir bis zum Regierungsbezirk gekommen. Kommt, lasst uns gemeinsam brüllen, bis ihnen die Fensterscheiben bersten! Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit.“

Aber nur zögerlich formuliert die Protestbewegung Forderungen nach Einsparungen an anderer Stelle, etwa bei den Ausgaben für das Militär oder beim Bau von Siedlungen im besetzten Westjordanland. Studentenführer Itzhak Schmuli bleibt lieber noch allgemein in seiner Rede: „Jetzt ist unsere Zeit gekommen, die der Jugend Israels.Wir wollen Veränderungen, aber nicht etwa personelle Veränderungen, das interessiert uns nicht. Wir fordern eine menschliche Wirtschaft.“

Sendungsbild
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  • Massenproteste gegen hohe Lebenshaltungskosten dauern an
  • Länge: 0:01:32
  • Datum: 2011-08-07T10:09:00.000+02:00

„Es besteht eine Chance!“

Den Sturz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollen die Demonstranten nicht fordern. Sie fürchten, damit den Protest zu schwächen. In den vergangenen Tagen war noch die Rede davon, die Sozialbewegung habe ihren Höhepunkt womöglich schon überschritten. Unklar war zunächst sogar, ob es einen weiteren Demonstrationsaufruf geben würde. Jetzt macht sich Zuversicht breit. „Es besteht eine Chance. Wenn wir hier so viele sind, dann gibt mir das Hoffnung“, sagt der 73-jährige Amnon, der sich dem Protest angeschlossen hat. „Vielleicht geschieht es nicht sofort, aber eine Veränderung wird es sicher geben.“

Tatsächlich verändert sich schon etwas, nämlich der Sprechchor der Demonstranten. „Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit“, hieß es erst. Jetzt wird schon ein neuer Sozialstaat ausgerufen. Das Gefühl vieler Israelis, die politische Klasse habe endgültig abgehoben und könne das Volk gar nicht mehr vertreten, ist weit verbreitet. „Wir sind schon die dritte Woche hier“, ruft ein Demonstrant. „Wir werden jeden Schabat wiederkommen – bis uns jemand hört.“

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