Weltweites Bangen vor dem Montag

Panikartige Kurseinbrüche an den Welt-Börsen, wachsende Schuldenprobleme in der Euro-Zone samt Zweifeln am Rettungsschirm und nun auch noch der Entzug der Top-Bonität der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor’s – weltweit wird mit bangen Blicken die Eröffnung der Börsen am Montag erwartet. Wo bereits gehandelt wurde, ging es bergab: Die arabischen Börsen verzeichneten einen Kursrutsch – sowohl in Katar als auch in Dubai und Saudi-Arabien.

Standard & Poor’s droht mit weiterer Abstufung

John Chambers, Experte bei Standard & Poor’s, erklärte indes im Fernsehsender ABC, die neue Note AA+ sei zugleich mit einem negativen Ausblick versehen. Dies signalisiere eine Tendenz zu einer weiteren Rating-Senkung – und zwar in den nächsten sechs bis 24 Monaten. Die Wahrscheinlichkeit dafür bezifferte Chambers auf eins zu drei.

Eine rasche Rückkehr der USA zur Spitzen-Bonitätsnote der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) ist laut Chambers nicht in Sicht. Es dürfte einige Zeit dauern, bis das Land die Bewertung AAA wiederbekommt. Nötig seien eine Stabilisierung der Staatschulden sowie eine größere politische Einigkeit in Washington über die Haushaltskonsolidierung.

Krisentelefonate weltweit

Angela Merkel telefoniert
Krisengespräche am Telefon: Bundeskanzleirn Merkel (Archivbild)

Die Verunsicherung der Anleger und die Angst vor einer Abwärtsspirale der Weltwirtschaft hat längst die Politik alarmiert. Das ganze Wochenende über glühten die Telefondrähte: Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte von ihrem Urlaubsort aus mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dem britischen Premierminister David Cameron und dem US-Präsidenten Barack Obama.

Offenbar ist auch noch eine Telefonkonferenz der Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industriestaaten (G-7) für heute geplant. Die Vertreter aus Deutschland, Japan, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada und den USA wollen sich noch vor der Öffnung der asiatischen Börsen am Montag bei einer Telefonkonferenz abstimmen, berichten mehrere Nachrichtenagenturen übereinstimmend.

Krisenstimmung auf beiden Seiten des Atlantiks

Was die derzeitige Situation so gefährlich macht: Auf beiden Seiten des Atlantiks ist nun Krisenstimmung: Über Europa hängt der Makel der Mega-Schulden aus den Mittelmeerländern. Jetzt droht auch noch Italien abzurutschen – immerhin die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt, die drittgrößte in der Euro-Zone. Wenn jetzt auch noch die größte Volkswirtschaft der Welt – die USA – zur unsicheren Bank wird, kann niemand die Folgen abschätzen.

Es kann einiges, es muss aber nichts passieren, es gibt ja keinen Präzedenzfall, schreiben die großen US-Zeitungen. Es könnte das gesamte Weltfinanzsystem zusammenbrechen, kommentiert die „Washington Post“, denn es beruhe ja auf der Annahme, dass US-Staatsanleihen sicher sind.

Optimisten in den USA setzen darauf, dass Konsequenzen der Herabstufung eher milde ausfallen – zumindest solange die beiden anderen großen Ratingagenturen, Moody’s und Fitch, den USA weiterhin die Bestnote ausstellen. Und Standard & Poor’s hatte die Herabstufung bereits vergangene Woche angedroht. „Der Schritt sollte die Märkte also nicht allzu sehr überraschen“, sagt etwa der Top-Manager bei Barclays Capital in New York, Ajay Rajadhyaksha.

Anstieg der Inflation?

Einen Ausverkauf amerikanischer Staatsanleihen erwartet hingegen der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, und prophezeit den Börsen weltweit „turbulente Tage“. Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, rechnet in der „Bild am Sonntag“ mit weiteren Kurseinbrüchen, aber nicht mit einem weltweiten Börsencrash. Allerdings sei ein Anstieg der Inflation in Deutschland durch die Politik der Zentralbanken möglich: „Die Zentralbanken werden eine höhere Inflation nicht nur tolerieren, sondern sogar im Namen der Finanzstabilität herbeiführen“, sagte Mayer.

In der Tat hatte US-Notenbankchef Ben Bernanke weitere geldpolitische Lockerungen zuletzt nicht ausgeschlossen. Auch die britische Zentralbanker diskutieren derzeit, ob sie angesichts der lahmenden Konjunktur erneut die Notenpresse anwerfen und Geld in die Wirtschaft pumpen sollten, wie es jüngst etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) empfahl.

Dossier

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Keine Frage: Der Euro ist in der Krise. Wie geht es mit der europäischen Währung weiter? Wie kann man sie vor Attacken schützen? Und wäre Deutschland besser bei der D-Mark geblieben? Analysen und Hintergründe im tagesschau.de-Dossier.

EZB offenbar bereit zum Handeln

Und die Europäische Zentralbank? Ein entschlossenes Handeln der EZB könnte wieder Vertrauen schaffen. Und es sieht genau danach aus: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet strebt offenbar noch heute eine endgültige Entscheidung über den Kauf italienischer Staatsanleihen an. Sollte sich die EZB zum Eingriff entschließen, würden sie und nationale Notenbanken bei Eröffnung der Märkte am Montag mit dem Kauf der Bonds beginnen, verlautete aus EZB-Kreisen.

Schon gestern war durchgesickert, dass die EZB offenbar gewillt ist, italienische Bonds zu kaufen, wenn das Land im Gegenzug seine Sparmaßnahmen beschleunigt. Das kündigte Berlusconi gestern an und erfüllte damit die EZB-Forderung.

Bundesregierung hält Italien für zu groß für Rettungsschirm

Die Bundesregierung machte derweil klar, dass Italien sich selbst aus dem Schuldensumpf befreien muss. Der europäische Rettungsschirm EFSF sei dazu nicht in der Lage – auch dann nicht, wenn der Fonds verdreifacht werden würde. Eine Volkswirtschaft wie Italien sei nicht zu stützen, dazu sei sie zu groß, berichtete der „Spiegel“ unter Berufung auf Regierungsexperten. Der Finanzbedarf des Landes sei zu riesig.

Griechische Euro-Münze unter einem Schirmchen
Griechenland wird vom Rettungsschirm gestützt. Italien ist nach Ansicht der Bundesregieung dafür zu groß.

Nach Einschätzung der Experten können die übrigen Partnerländer zudem nicht die Garantie der gesamten italienischen Staatsschuld von über 1,8 Billionen Euro stemmen, wie der „Spiegel“ weiter berichtete. Spätestens dann würden die Märkte argwöhnen, dass auch Deutschland überfordert sei.

In den vergangenen Tagen waren die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen in die Höhe geschossen und hatten Ängste vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone geschürt. Dies hatte Forderungen nach einer Aufstockung des Rettungsschirms über die bisher vereinbarten 440 Milliarden Euro hinaus laut werden lassen. Die Bundesregierung ist strikt dagegen.

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