Nicht zu rechtfertigen – und doch nicht überraschend

Von Torsten Huhn, NDR-Hörfunkstudio London

Das Ausmaß der Gewalt bei diesen Ausschreitungen hat die Briten völlig überrascht. Denn eigentlich schien doch alles einigermaßen in Ordnung zu sein: Die konservativ-liberale Regierung konnte ihr Sparprogramm ohne besonders große Proteste durchsetzen, die Wirtschaftslage ist zwar nicht super, aber doch erträglich. Und nun kommen diese Randalierer und stören das schöne Bild der Olympiastadt London, die sich in einem Jahr der Welt als strahlende Metropole präsentieren möchte. 

Entsprechend sauer ist man in der Regierung, dass die Vorfreude jetzt so nachhaltig gestört wird. Die Randalierer werden heftig kritisiert, und man schickt nun noch mehr Polizisten auf die Straße, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Nun fällt es tatsächlich schwer, für die maskierten Gewalttäter große Sympathie zu entwickeln – für Leute, die Häuser anzünden, die blindwütig Schaufenster zerschlagen und aus den Läden klauen, was sie zu fassen kriegen.

Wachsende gesellschaftliche Spannungen

Aber einen Blick auf die Ursachen dieser massiven Krawalle sollten auch Briten wagen. Denn dass das Ganze auch soziale Ursachen hat – dass viele der Randalierer aus trostlosen Verhältnissen kommen, dass ihnen das Leben keine großen Perspektiven bietet -, das muss auch ein konservativer Brite, der in wohlgeordneten Verhältnissen lebt, zur Kenntnis nehmen. Die hohe Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen und die Langzeitarbeitslosigkeit in der Unterschicht führen zusammen mit den jüngsten Einschnitten im Sozialsystem zu wachsenden gesellschaftlichen Spannungen.

Doch die Briten reagieren anders als die Deutschen und auch als die Franzosen. Viele lassen sich gerne blenden von dem Reichtum, den es gerade in London gibt. Dort lassen es sich Milliardäre aus aller Welt gut gehen und sorgen für steigende Immobilienpreise. Ein Land kann aber auf Dauer nicht ungestraft die Probleme ignorieren, die große Ungleichheit und ein mangelhaftes Sozialsystem mit sich bringen.

Sparpolitik verschärft Situation

Die starken Einsparungen der konservativ-liberalen Koalition verschärfen die Situation. Vieles, was in den letzten Jahrzehnten an sozialer Betreuung und an Hilfen für die Integration Zugewanderter aufgebaut wurde, wird nun zerstört. In Manchester beispielsweise kann die Stadt mehr als 30 Jugendzentren nicht mehr finanzieren, weil sie ein Viertel ihres Etats einsparen muss. Bei Jugendlichen, die ohnehin das Gefühl haben, Verlierer zu sein, erhöht das den Frust – und der kann sich dann bei Krawallen auch mal entladen.

Wie gesagt, Gewalttaten sind nicht zu rechtfertigen. Doch eine Gesellschaft kann sich nicht blind stellen. Sie hat eine Mitverantwortung auch für die Teile, denen es nicht so gut geht. Diese Erkenntnis scheint in Britannien noch nicht so verbreitet zu sein.    

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