Randalierer verursachen flammendes Inferno

Gewalt und Vandalismus scheinen in London außer Kontrolle zu geraten. Auch in der Nacht zogen randalierende Banden durch die britische Hauptstadt. Immer mehr Stadtteile sind von den Ausschreitungen betroffen. Augenzeugen berichteten von „kriegsähnlichen Bildern“.

In Croydon, Peckham und Lewisham im Süden Londons standen Gebäude in Flammen, während plündernde Jugendliche durch die Straßen von Hackney im Osten der britischen Hauptstadt, Clapham im Süden, Camden im Norden und Ealing im Westen zogen.

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  • Krawalle greifen auf weitere Stadtteile über
  • Länge: 0:02:20
  • Datum: 2011-08-09T00:56:00.000+02:00

In Croydon brannte ein ganzer Häuserblock, meterhohe Flammen züngelten in den Nachthimmel. Anwohner mussten evakuiert werden. Der „Guardian“ zitierte einen Polizisten mit den Worten: „Wir kommen nicht dagegen an. Wir haben die Zerreißgrenze überschritten.“ Dem Fernsehsender Sky zufolge erlitt ein Mann bei den Unruhen Schusswunden.

Auch in Clapham kämpfte die Polizei gegen einen schweren Großbrand, nachdem Plünderer durch ein frisch renoviertes Einkaufszentrum gezogen waren und es angezündet hatten. Im noblen Londoner Stadtteil Notting Hill drangen Randalierer in ein Gourmetrestaurant ein und stahlen Gästen Mobiltelefone sowie Teller von den Tischen.

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Randale in Bristol, Birmingham und Liverpool

Die Krawalle weiteten sich inzwischen auf andere Städte aus. Auch aus Bristol, Liverpool und Birmingham wurden Randale gemeldet. Augenzeugen berichteten, dass in Liverpool mehrere hundert Vermummte in den Straßen vorbeifahrende Autos stoppten, die Insassen zum Aussteigen zwangen und anschließend die Fahrzeuge in Brand setzten. In Birmingham plünderten Vermummte Juwelierläden und Elektronik-Geschäfte. Außerdem setzten sie eine Polizeiwache in Brand. In Bristol versuchten Polizisten, eine randalierende Meute von rund 150 Jugendlichen in Schach zu halten.

Feuerwehrwehrleute beim Löschen eines Brandes während der Krawalle in London
Nicht nur im Londoner Stadtteil Croydon musste die Feuerwehr brennende Gebäude löschen.

Kinder unter den Randalierern

Der amtierende Londoner Polizeichef Tim Godwin forderte die Bevölkerung auf, die Straßen zu verlassen. Eltern sollten sich nach ihren Kindern erkundigen und sie nach Hause holen. Auch Gruppen gewalttätiger Kinder zwischen zehn und 14 Jahren waren nach Medienberichten unterwegs. „Es sind viel zu viele Schaulustige auf den Straßen“, sagte Godwin. Die Polizei hatte Beamte aus anderen Städten Großbritannien nach London beordert. Das größte Problem sei jedoch, die Einsatzkräfte schnell von einem Ort zum anderen zu befördern.

Die Jugendlichen bildeten laut Polizei über das Internet „kleine und mobile“ Gruppen. Sie hätten sich mit Smartphones organisiert und seien sehr schnell von einem Ort zum nächsten weitergezogen, berichteten Beobachter. Die Polizei habe daher große Probleme, die Randalierer unter Kontrolle zu bekommen. Scotland Yard drohte Usern, die über soziale Netzwerke oder Kurznachrichtendienste wie Twitter zu Gewalt aufrufen, hohe Strafen an.

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Nach Angaben der Polizei wurden bis zum Montagabend mehr als 250 Randalierer festgenommen. Mehr als 40 Polizisten wurden verletzt. Die Polizei setzte zusätzlich 1700 Beamte ein, konnte die Lage aber dennoch nicht unter Kontrolle bringen. Die Beamten zeigten sich schockiert über die heftigen Angriffe auf sie. Man sei entsetzt über das „empörende Maß an Gewalt“, das gegen sie gerichtet gewesen sei, sagte Polizeisprecherin Christine Jones.

Fußballspiele abgesagt

Aufgrund der aktuelle Lage und der Sicherheitsbedenken wurden die Londoner Fußballclubs aufgefordert, ihre Spiele zu verschieben. Die Polizisten würden derzeit an anderer Stelle gebraucht, berichtete der betroffene Verein West Ham, der heute gegen Aldershot spielen sollte. Auch der Fußballclub Charlton im Süden Londons teilte mit, sein Spiel gegen Reading sei aus „Sicherheitsgründen“ abgesagt worden. Auf der Kippe steht nun möglicherweise auch das Freundschaftsspiel der englischen Nationalmannschaft gegen die Niederlande. Die Begegnung soll am Mittwoch im Wembley Stadion stattfinden.

Cameron beruft Sondersitzung ein

Premierminister David Cameron brach wegen der Ausschreitungen seinen Urlaub in der Toskana ab und kehrte nach London zurück. Dort will er heute an der Sitzung eines Nationalen Krisenkomitees teilnehmen. Auch Innenministerin Theresa May, Vize-Premier Nick Clegg und Londons Bürgermeister Boris Johnson unterbrachen ihren Urlaub.

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Ballistische Tests sollen veröffentlicht werden

Die Krawalle hatten in der Nacht zum Sonntag im Londoner Problemviertel Tottenham begonnen. Zwei Tage zuvor war dort ein 29-jähriger Mann bei einem Polizeieinsatz erschossen worden. Unklar war, ob der schwarze Familienvater, der der Banden- und Drogenszene zugerechnet wird, das Feuer eröffnet hatte. Ergebnisse ballistischer Tests sollen im Tagesverlauf veröffentlicht werden.

Der Mann hatte nach Darstellung der Polizei bei einer Kontrolle aus einem Taxi auf die Fahnder geschossen. Eine Kugel, die das Funkgerät eines Polizisten traf, stammte nach einer ersten Untersuchung aber offenbar aus einer Polizeiwaffe, berichteten mehrere britische Medien. Manche Stimmen werfen der Polizei Rassismus vor. Die Familie des getöteten Mannes distanzierte sich von der Gewalt. Das sei nicht im Sinne des 29-Jährigen, sagte dessen Bruder.

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