Wohin die lockere Geldpolitik der Fed führt

Gebäude der Federal Reserve Bank
Die Federal Reserve muss nicht nur die Inflation im Zaum halten, sondern auch die Arbeitslosigkeit.

Ungeachtet der Zinswende in Europa steuert die US-Notenbank Fed unbeirrt einen lockeren geldpolitischen Kurs. Die Zentralbanker um Fed-Gouverneur Ben Bernanke wollen den Leitzins bis mindestens 2013 nahe Null belassen. Schon seit 2008 liegt er auf einem Rekordtief zwischen 0,0 und 0,25 Prozent. Mit der Beibehaltung dieser Zinspolitik bleibt es für die Banken sehr billig, sich bei der Fed Geld zu leihen. Das soll in der Folge auch die US-Konjunktur stützen. Doch die Vorgehensweise der Fed birgt Risiken und ist umstritten.

Welche Geldpolitik verfolgt die Fed derzeit?

Die US-Notenbank ist mit Ausbruch der Finanzkrise auf eine sehr lockere Geldpolitik eingeschwenkt. Der Leitzins liegt seit Ende 2008 bei 0 bis 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass sich die Banken sehr billiges Geld bei der Fed leihen und ihre eigenen Geschäfte refinanzieren können. Diese Politik extrem niedriger Zinsen will die US-Notenbank laut einer Ankündigung vom August 2011 mindestens noch zwei weitere Jahre bis 2013 fortsetzen. Zudem pumpte die Fed mit dem Kauf von Staatsanleihen monatlich viele Milliarden Dollar in den Markt. Allein das zweite dieser Ankaufprogramme, das von November 2010 bis Juni 2011 lief, umfasste 600 Milliarden Dollar. Ob die Fed ein drittes Ankaufprogramm startet und damit erneut Geld in die Märkte pumpt, ließ die Notenbank im August 2011 noch offen.

Was sind die Folgen der Fed-Politik?

Mit der Niedrigzinspolitik stützt die Fed den wackeligen Aufschwung in den USA: Kredite sind günstig, das erleichtert es den Unternehmen zu investieren und zu expandieren. Und auch der Konsum wird tendenziell gestützt – etwa durch günstige Verbraucherkredite. Zudem wird Sparen für die Bürger unattraktiv, weil sich Guthaben kaum verzinsen. Der private Verbrauch ist für die US-Wirtschaft extrem wichtig: Er macht 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Von einer starken US-Konjunktur profitieren grundsätzlich auch andere Länder: Ausländische Waren finden in den USA Absatz, US-Investitionen in aller Welt stärken die jeweiligen Volkswirtschaften. Allerdings führt der geldpolitische Kurs der Fed seit Monaten zu einer Dollar-Schwäche. Auch bringt eine lockere Geldpolitik Inflationsrisiken mit sich.

Was werfen die Kritiker der Fed vor?

Die Kritik entzündet sich vor allem an den Risiken für die Preisstabilität und die Währung. Eine Zinserhöhung, so die Kritiker, könne die Inflation im Zaum halten und den Dollar stärken. Tatsächlich ist die Fed die nahezu einzige wichtige Zentralbank, die sich noch weigert, etwas gegen die anziehende Inflation zu tun. Die „Los Angeles Times“ tituliert Bernanke deshalb bereits als „Außenseiter unter den Notenbankern“. Das Finanzmagazin „Barron’s“ schrieb: „Die meisten anderen Notenbanken bekämpfen die Inflation und stärken ihre Währungen.“ Der Vorwurf der Autoren: „Die Probleme sind maßgeblich von der US-Notenbank kreiert worden.“ Kritiker sehen die nächste Blase am Horizont, weil die Märkte mit billigem Geld überschwemmt werden.

Ist die Inflation in den USA ein Problem?

Laut Arbeitsministerium sind die Lebenshaltungskosten im Juni um 3,6 Prozent gestiegen. Generell bedeutet das, dass die realen Einkommen der Amerikaner sinken, weil die Preise schneller anziehen als die Löhne.

Die US-Notenbank stellt sich allerdings auf den Standpunkt, dass sie an den steigenden Preisen keine Schuld trage. Denn die Inflation werde in erster Linie durch höhere Energie- und Lebensmittelpreise getrieben. Es bestehe aber kein Zusammenhang zwischen Vergrößerung der Geldmenge und höheren Preisen für Nahrung und Energie, so die Argumentation von Fed-Chef Bernanke. Weil auch eine straffere Geldpolitik aus Sicht der Fed gegen Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln ohnehin nichts ausrichten kann, rechnet die Notenbank diese Posten heraus – und rechnet in ihrer Analyse der Teuerung mit einer so genannten Kernrate, die weitaus niedriger ausfällt als die von der Regierung errechnete Teuerungsrate. Die Botschaft: Inflation ist kein Thema.

Welche Risiken birgt das gigantische US-Haushaltsdefizit?

Die USA häufen allein im laufenden Haushaltsjahr schätzungsweise 1,6 Billionen Dollar neue Schulden an, rund zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Gesamtverschuldung beträgt derzeit mehr als 14,3 Billionen Dollar. Das ist an der Wirtschaftsleistung gemessen das dickste Minus in der Staatskasse seit fünf Jahrzehnten. Angesichts dieser Zahlen und des mühsam ausgehandelten Kompromisses im US-Schuldenstreit entzog die Ratingagentur Standard & Poor’s der USA die beste Bonitätsnote AAA. Dieses schlechtere Rating kann zu erheblich höheren Zinsen für US-Staatsanleihen führen. Dies könnte nach Expertenmeinung das ohnehin zaghafte Wirtschaftswachstum abwürgen und birgt die Gefahr einer neuen Rezession.

Wie steht die Fed zur Haushaltsmisere?

Bernanke selbst verlangte schon vor Monaten mit drastischen Worten einen straffen Sparkurs von der Regierung: „Ab einem gewissen Punkt wären die Vereinigten Staaten in einer Position, in der sie nur noch den Staatsbankrott erklären könnten. Die Folgen davon für unser Finanzsystem, für unsere Finanzpolitik und für die Wirtschaft wären katastrophal.“ Auch wenn Bernankedie Position vertritt, dass ein Abbau der massiven Schulden der Regierung entscheidend für die langfristige Gesundheit der US-Wirtschaft ist, warnt er zugleich vor übertriebenen Sparmaßnahmen und deren Folgen für das Wirtschaftswachstum.

Dass die USA allerdings extrem über ihre Verhältnisse leben, kreiden Experten auch der US-Notenbank selbst an. Ein Effekt der Politik des billigen Geldes sei eben, dass die Notenbanker die massive Verschuldung in den USA anheizen. Und durch den massiven Ankauf von US-Staatsanleihen ist die Fed seit kurzem auch der größte Gläubiger der USA – noch vor China.

Was bedeutet die Zinswende der EZB für die USA?

Wechselkurs

Der Wechselkurs ist der Preis einer Währung ausgedrückt in einer anderen Währung. Dieser Preis bildet sich auf dem globalen Devisenmarkt. Volkswirtschaftlich ist der Wechselkurs bedeutsam für die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt.

Während EZB-Chef Jean-Claude Trichet mit der Straffung des Leitzinses um mittlerweile einen halben Prozentpunkt auf 1,5 Prozent der anziehenden Inflation den Kampf angesagt hat, bleibt die Fed bei ihrer Nullzinspolitik. Die Zinsdifferenz zwischen den beiden Währungsräumen spielt eine erhebliche Rolle beim Wechselkurs: Denn das Kapital wandert tendenziell dahin, wo es mehr abwirft. Das stärkt die jeweilige Währung – in diesem Fall den Euro. Allerdings leidet die europäische Gemeinschaftswährung ihrerseits unter der massiven Verschuldung mehrerer Euro-Staaten, von denen bereits mehrere nur mit Milliarden-Unterstützung des Rettungsschirms vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit bewahrt werden konnten.

Warum beharrt die Fed auf ihrem Kurs?

Obwohl die Wirtschaft wieder Tritt gefasst hat, macht den US-Notenbankern große Sorge, dass der Arbeitsmarkt noch Jahre von einer Normalisierung entfernt ist. Die Krise hat acht Millionen Amerikaner den Job gekostet, der Stellenaufbau kommt nur zögerlich in Gang. Die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als neun Prozent. Die Fed muss wegen ihres doppelten Mandats mit Argusaugen darüber wachen, dass der Arbeitsmarkt wieder auf die Beine kommt. Denn anders als die EZB soll sie neben der Preisstabilität auch noch Beschäftigung fördern. Bernanke hat viele Entscheidungen der Fed zuletzt auch ausdrücklich mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt begründet.

Die Teuerung hält Bernanke für ein vorübergehendes Phänomen, unter anderem getrieben durch Unruhen in der arabischen Welt. Die Schwächung des Dollar scheint er billigend in Kauf zu nehmen: Dadurch wird tendenziell die Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie unterstützt, Waren aus den USA werden billiger, und die Industrieproduktion wurde auf diese Weise zuletzt gestärkt. Das lindert den Schaden für die chronisch negative Handelsbilanz der USA.

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