„Das hier ist ein Kriegsgebiet“

London blieb in der Nacht von Krawallen verschont. Dafür erlebten Städte wie Liverpool und Manchester Gewaltausbrüche. Die Bewohner sind geschockt und sprechen von einem „Kriegsgebiet“. Die Randalierer zeigen keine Reue: Sie heizen mit Interviews die Stimmung weiter auf.

Von Sebastian Hesse, MDR-Hörfunkstudio London

Feuer auf einer Straße in Liverpool
Die Ausschreitungen verlagerten sich in Städte wie Liverpool.

Immerhin: Das neue Sicherheitskonzept für London hat seine Bewährungsprobe bestanden. Dank der massiven Polizeipräsenz hielten sich die Krawalle vergangene Nacht in Grenzen. Dafür steht nun endgültig fest, dass das jugendliche Gewaltpotenzial in anderen Landesteilen ebenso hoch ist wie an der Themse.

Besonders hart hat es Manchester getroffen, wo das Modegeschäft von Ian in Flammen aufging: „Das hier ist ein Kriegsgebiet“, sagt er. Nie zuvor in seinem Leben habe er Manchester in diesem Zustand gesehen. „Es war unglaublich“, zeigt er sich fassungslos. In der nördlichen Industriestadt brannten Autos, Geschäfte wurden geplündert – wie in den vorausgegangenen Nächten in London.

Bürgerwehren schieben Wache

Dort, im Stadtteil Southall, stand vergangene Nacht eine Gemeinde von Sikhs Wache, nachdem es hieß, die Randalierer hätten es auf ihren Tempel abgesehen. „Wenn die unser Territorium betreten, werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu verjagen“, zeigt sich ein junger Sikh entschlossen. „Wenn die Polizei uns nicht schützt, nehmen wir das Recht in die eigene Hand.“

Sendungsbild
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  • Straßenschlachten auch in der vierten Nacht fortgesetzt
  • Länge: 0:01:22
  • Datum: 2011-08-10T16:06:00.000+02:00

Mehr und mehr geben junge Randalierer vermummt Fernsehinterviews, wie auf den Straßen von Birmingham. „Uns geht’s um Kohle“, sagt er. „Um Geld?“, fragt der Reporter nach, „es geht nicht um Wut und Frust?“ „Normalerweise drangsaliert uns die Polizei“, so der Vermummte. Jetzt sei Zahltag: Die Polizei könne ihnen nichts anhaben.

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Randalierer provozieren mit Interviews

Provokante Auftritte wie dieser führen dazu, dass differenzierte Debatten über die Ursachen der Gewalt derzeit kaum möglich sind. Auch Bildungsminister Michael Gove glaubt, die Unruhestifter einschätzen zu können: „Das sind organisierte kriminelle Banden und keine Aufständischen. Denen geht es um Rauben, Stehlen – darum, sich zu bereichern.“

Ein ausgebranntes Auto in Liverpool
Liverpool am Tag nach den Ausschreitungen: Ein ausgebranntes Auto versperrt den Weg.

Gove weiß, dass die jugendlichen Gewalttäter auch als Produkte einer verfehlten Bildungspolitik gesehen werden. Einen Mangel an Disziplin, in den Elternhäusern und in der Schule, beklagt der Bildungsminister. Seit seinem Amtsantritt habe er daraufhin gewirkt, eine Kultur der Autorität von Erwachsenen wiederherzustellen – und dass Disziplin ernster genommen werde. „Auch Sozialarbeiter beklagen, dass die Jugendlichen, die etwa auf den Straßen von Tottenham leben, keinerlei Autoritäten anerkennen und nie Grenzen gezeigt bekamen“, ergänzt er.

Doch andere, wie Labour-Parteichef Ed Miliband, weisen darauf hin, dass das Massenphänomen nicht allein von verwahrlosten Straßengangs verantwortet wurde. „Die Ursachen sind nicht einfach zu erklären, sei sind kompliziert“, so Miliband. „Sie haben mit den Elternhäusern zu tun, mit jugendlichen Bandenkriegen und vielem mehr.“

Original, Google Cache, archive.org

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