Krawalle in Manchester, Ruhe in London

Die gewaltsamen Ausschreitungen in Großbritannien gehen auch in der vierten Nacht in Folge weiter. Bei Ausschreitungen in Manchester setzten zum Teil maskierte Randalierer ein Bekleidungsgeschäft in Brand und beschädigten weitere Läden. Mehrere hundert Jugendliche lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Mindestens 50 Menschen wurden festgenommen.

In Nottingham warfen Randalierer mit Brandsätzen, setzten eine Schule sowie ein Fahrzeug vor einer Polizeiwache in Brand, berichteten die Sicherheitskräfte. 90 Personen wurden festgenommen, Berichte über Verletzte lagen zunächst nicht vor. Weder Manchester noch Nottingham waren zuvor von den Ausschreitung betroffen gewesen.

Jugendliche plündern in Birmingham ein Elektro-Fachgeschäft
Jugendliche plündern in Birmingham ein Elektro-Fachgeschäft.

Auch aus West Bromwich bei Birmingham wurden Plünderungen und Krawalle gemeldet. Dort errichtete eine Gruppe von rund 200 Menschen laut Polizei Barrikaden, zündete Autos an und bewarf Polizisten. Auch in Birmingham selbst und in Wolverhampton gingen die Krawalle weiter. In Liverpool wurden mehrere Löschzüge der Feuerwehr attackiert.

Polizeipräsenz in London

In London zeigte das große Polizeiaufgebot dagegen offenbar Wirkung. Nachdem es in den vergangenen drei Nächten zu Plünderungen, Straßenschlachten und Brandstiftungen gekommen war, blieb es heute bislang ruhig.

Premier David Cameron hatte zuvor nach einem Krisentreffen in seinem Amtssitz in der Downing Street angekündigt, dass anstatt 6000 nun 16.000 Polizisten aus dem ganzen Land eingesetzt werden würden, um für die Sicherheit in London zu sorgen. Alle Urlaubstage für die Beamten seien gestrichen worden, sagte er. „Die Menschen sollen nicht daran zweifeln, dass alles unternommen wird, um die Ordnung auf den britischen Straßen wiederherzustellen.“ Cameron selbst hatte gestern seinen Sommerurlaub wegen der Krawalle abgebrochen.

„Ihr werdet die Kraft des Gesetzes spüren“

David Cameron im Londoner Stadtteil Croydon nach den Krawallen
Premier Cameron kündigte einen harten Kurs an.

Cameron drohte den überwiegend jugendlichen Kriminellen eine harte Bestrafung an. „Ihr werdet die Kraft des Gesetzes spüren.“ Wenn sie alt genug seien, diese Verbrechen zu begehen, seien sie auch alt genug, für sie zu büßen. Der Premier kündigte zudem eine Sondersitzung des Parlaments an.

„Die Gewalt ist einfach unentschuldbar“, sagte Polizeichefin Christine Jones. „Durch dieses sinnlose und rücksichtslose Vorgehen ist das Leben vieler Bürger auf den Kopf gestellt worden.“

Erstes Todesopfer in London

Im Londoner Stadtteil Croydon gab es gestern ein erstes Todesopfer. Ein 26-jähriger Mann, der während der Unruhen am Montag angeschossen und in seinem Auto gefunden worden war, starb laut Polizei im Krankenhaus. Als man ihn aufgefunden habe, seien zwei weitere Personen anwesend gewesen und festgenommen worden, weil sie Diebesgut bei sich trugen. Nähere Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt.

Sendungsbild
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  • Frank Jahn (ARD London) über mögliche Ursachen für die Gewalt
  • Länge: 0:02:51
  • Datum: 2011-08-10T00:33:00.000+02:00

Polizei denkt über Einsatz von Gummigeschossen nach

Die Polizei erwägt den Einsatz von Gummigeschossen. Scotland-Yard-Offizier Stephen Kavanagh sagte, die Geschosse würden benutzt, wenn es notwendig sei. In Großbritannien wurden bei Krawallen noch nie Gummigeschosse eingesetzt. Gegen die sich schnell bewegenden Gruppen von Randalierern gelten Gummigeschosse allerdings nur als bedingt effektiv.

Bewohner kritisieren Passivität der Polizei

An den Plünderungen beteiligten sich junge Leute aller Hautfarben und sozialer Herkunft. Bewohner der betroffenen Stadtviertel beklagten sich über das ihrer Meinung nach zu passive Auftreten der Polizei. Sie forderten von den Behörden den Einsatz von Wasserwerfern und eine militärische Unterstützung für die Polizei.

Kommentar

Krawalle in London
Keine Frage: Die britischen Randalierer verdienen keine Sympathie. Und doch lohnt ein Blick auf die Ursachen. Die gesellschaftlichen Spannungen wachsen seit Jahren, die Sparpolitik der Regierung hat die Lage noch verschärft.

Fußball-Länderspiel abgesagt

Wegen der andauernden Ausschreitungen in London sagte der britische Fußballverband (FA) das für heute angesetzte Länderspiel zwischen England und den Niederlanden ab. Auf diese Weise sollen mehr Polizisten für den Einsatz gegen die Randalierer zur Verfügung gestellt werden können. Die Behörden forderten auch die Londoner Fußballclubs auf, ihre anstehenden Ligaspiele zu verschieben. Am kommenden Samstag beginnt die Premiere-League-Saison.

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29-jähriges Todesopfer schoss nicht auf Polizei

Die Ausschreitungen hatten am Samstagabend im Londoner Stadtteil Tottenham nach einer zunächst friedlichen Demonstration vor einer Polizeiwache begonnen. Anlass war der Tod eines 29-Jährigen, der der Banden- und Drogenszene zugerechnet wird. Dieser war am Donnerstag bei einem Polizeieinsatz durch eine Polizeikugel gestorben.

Eine Untersuchung der Polizeiaufsichtsbehörde IPCC ergab nun, dass der Mann wahrscheinlich nicht wie ursprünglich dargestellt auf die Polizei schoss. Dafür gebe es keine Beweise. So seien am Tatort keine Geschosse gefunden worden, die aus der Waffe des Mannes stammten, sagte ein Sprecher. Der Mann sei an einer Schusswunde in seiner Brust gestorben. Eine zweite Kugel habe ihn in den Oberarm getroffen.

Die Polizei hatte die Situation am vergangenen Donnerstag zunächst so dargestellt, dass der 29-Jährige das Feuer eröffnet habe. Der Polizeischütze habe aus Notwehr gehandelt, als er ihm in einem Taxi sitzend in die Brust schoss. Diese Version war von der Familie des Toten angezweifelt worden.

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