Cameron rüstet die Polizei auf

Nach vier Nächten mit Krawallen erwägt Großbritanniens Premierminister David Cameron erstmals den Einsatz von Wasserwerfern gegen die Randalierer. Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in London erklärte er, es gebe „Alternativpläne, dass Wasserwerfer innerhalb von 24 Stunden einsatzbereit sind“. Es wäre das erste Mal, dass die britische Polizei die Möglichkeit zum Einsatz von Wasserwerfern bekommt. Diese wurden bisher nur im Nordirland-Konflikt von den Sicherheitskräften eingesetzt. Bei den jüngsten Krawallen handelte es sich aber überwiegend um versprengte Gruppen von Randalierern.

Bisher hatte die Regierung den Einsatz von Wasserwerfern im Grundsatz ausgeschlossen. „In Großbritannien halten wir niemanden mit Wasserwerfern zurück“, hatte Innenministerin Theresa May erst gestern erklärt. Stattdessen setze sie auf die Mitarbeit der Menschen vor Ort – so funktioniere britische Polizeiarbeit. Sie rief die Eltern der randalierenden Jugendlichen und die Vertreter der Gemeinden auf, den Behörden dabei zu helfen, die Gewalttäter auf den Bildern der Überwachungskameras zu identifizieren.

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  • Ausschreitungen weiten sich aus
  • Länge: 0:01:25
  • Datum: 2011-08-10T15:06:00.000+02:00

Cameron räumt Banden-Problem ein

Cameron räumte außerdem ein, dass Großbritannien ein Banden-Problem habe. Sie seien aber nicht repräsentativ für die große Mehrheit der jungen Leute in Großbritannien. „Wir brauchen einen deutlicheren Wertekanon“, sagte er. Derzeit gebe es ein „Fehlen von Verantwortung“ in Teilen der Gesellschaft.

Der Premierminister zeigte sich aber auch zufrieden, dass das enorme Polizeiaufgebot in der vergangenen Nacht in London Wirkung gezeigt habe. Dort waren 16.000 Beamte im Einsatz, in den Nächten zuvor waren es noch 6000 gewesen. Schwere Ausschreitungen blieben hier erstmals seit drei Nächten aus.

Allerdings entbrannten die Krawalle dafür in anderen britischen Städten. So lieferten sich in Manchester Hunderte Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei. Vereinzelt kam es zu Brandstiftungen.

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Drei Tote am Rande der Krawalle

In der Region um Birmingham wurden mehr als 100 Menschen festgenommen. In Birmingham selbst seien Geschäfte angegriffen worden, teilte die Polizei mit. Am Rande der Ausschreitungen wurden drei Männer mit einem Auto totgefahren. Sie starben noch in der Nacht im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen Mordes ein. Weitere Details wurden zunächst nicht veröffentlicht.

Auch in anderen britischen Städten kam es zu Krawallen. Dutzende Randalierer wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. In Nottingham wurde eine Polizeiwache mit Brandsätzen angegriffen. In Liverpool attackierten Randalierer mehrere Löschzüge der Feuerwehr.

Duggans Familie von Ermittlungen „enttäuscht“

Auslöser der Unruhen war der Tod eines Mannes, der am Donnerstag bei einem Polizeieinsatz im Londoner Stadtteil Tottenham erschossen worden war. Der vierfache Familienvater Mark Duggan wurde durch einen Schuss in die Brust getötet. Nach Angaben der unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde IPCC wurden keine Beweise dafür gefunden, dass Duggan zuvor selber auf die Beamten schoss. Eine vor Ort aufgefundene Pistole sei nicht benutzt worden. Duggans Familie erklärte daraufhin, sie sei „bitter enttäuscht“ über die vorläufigen Ergebnisse und verlange „Antworten“ von den Behörden.

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  • Frank Jahn (ARD) über die Strategie der Regierung
  • Länge: 0:00:43
  • Datum: 2011-08-10T15:06:00.000+02:00

Erstes Todesopfer der Krawalle

Gestern war im Zusammenhang mit den Protesten erstmals ein Mensch gestorben. Ein 26-jähriger Mann, der während der Unruhen am Montag angeschossen und im Londonder Stadtteil Croydon in seinem Auto gefunden worden war, starb laut Polizei im Krankenhaus. Als man ihn aufgefunden habe, seien zwei weitere Personen anwesend gewesen und festgenommen worden, weil sie Diebesgut bei sich trugen.

Seit Beginn der Ausschreitungen hat die britische Polizei landesweit mehr als 1000 Menschen festgenommen – allein in London waren es mehr als 750. Gegen mehr als 160 mutmaßliche Randalierer wurde Anklage erhoben.

Kommentar

Krawalle in London
Keine Frage: Die britischen Randalierer verdienen keine Sympathie. Und doch lohnt ein Blick auf die Ursachen. Die gesellschaftlichen Spannungen wachsen seit Jahren, die Sparpolitik der Regierung hat die Lage noch verschärft.

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