E.ON – Kampf gegen die Doppelstrukturen

Wie geht es mit den Energiekonzernen nach der Atomwende weiter? Tagesschau.de stellt die Reaktionen in einer vierteiligen Serie vor. Den Beginn macht E.ON: Bis zu 11.000 Stellen werden gestrichen, Standorte sind infrage gestellt. Dabei wird es wohl wieder einen Milliardengewinn geben.

Von Christoph Stehr, WDR

Logo von E.ON
E.ON hat im zweiten Quartal erstmals Verlust gemacht – ein Schock für die Konzernspitze.

Auf E.ON lassen die Münchener nichts kommen. Wer Gutes tun will, aber nicht bezahlen kann, klopft in der vornehmen Brienner Straße 40 an offene Türen. Dort residiert die Vertriebsgesellschaft E.ON Energie.

Sie hat sich um die Landeshauptstadt verdient gemacht: Dem Lenbachhaus ermöglichen die Strommanager Sonderausstellungen zu Kandinsky und Mondrian, dem Volkstheater ein jährliches Nachwuchsfestival. Der Kulturpreis Bayern wird mit Geld aus der Steckdose finanziert, genauso die bayerischen Meisterschaften im Hallenfußball, verschiedene Bildungsprojekte für Kinder und ein Hospizverein. Das bringt gute Presse und Ansehen in der Münchener Society. Nur um den E.ON-Energie-Lehrstuhl für Nukleartechnik an der TU München ist es still geworden.

Standort – ganz oben auf der Streichliste?

Im Sponsoring gehört E.ON Energie zu den lokalen Marktführern. Was die 300 Mitarbeiter in der Brienner Straße 40 sonst so treiben, ist weniger auffällig. Bis Ende 2010 steuerten sie das komplette Europageschäft, inklusive Stromerzeugung, -verteilung und -vertrieb. Dann strukturierte die Muttergesellschaft E.ON um und zog 100 Arbeitsplätze an den Konzernsitz nach Düsseldorf ab. Den Münchener Kollegen sollte das Deutschlandgeschäft bleiben.

Doch auch das scheint nicht mehr sicher. Der Standort München steht höchstwahrscheinlich oben auf der Streichliste von E.ON-Chef Johannes Teyssen.

Harter Sparkurs

unknown boxtype: relatedthemelist

Nachdem der Konzern im zweiten Quartal 2011 erstmals in seiner Geschichte Verlust gemacht hat, herrscht in Düsseldorf Alarmstimmung. Vorstand und Aufsichtsrat haben Einsparungen von jährlich 1,5 Milliarden Euro beschlossen. Zwischen 9.000 und 11.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, 60 Prozent davon in Deutschland. Weltweit hat E.ON rund 82.000 Beschäftigte. Das Sparprogramm zielt auf eine „konsequente Vereinfachung der Konzernstruktur“ – das heißt, vor allem Verwaltungsjobs sind gefährdet.

Allerdings täuscht der Eindruck, dass das Unternehmen mit dem Rücken zur Wand steht. Zwar führten die Brennelementesteuer und der Betriebsstopp für Kernkraftwerke bislang zu Sonderbelastungen von 1,9 Milliarden Euro – doch auf das erste Halbjahr 2011 gerechnet, blieb immer noch ein Gewinn von 900 Millionen Euro hängen. Für das ganze Jahr 2011 erwartet E.ON einen Gewinn zwischen 2,1 und 2,6 Milliarden Euro.

Erhard Ott, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und Mitglied des ver.di-Bundesvorstands, findet es deshalb „unerträglich, wenn notwendige Korrekturen nach der Energiewende auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden“.

Teure Doppelstrukturen

Johannes Teyssen
E.ON-Chef Teyssen räumt ein: In den vergangenen Jahren ist es nicht gelungen, die Verwaltung übersichtlicher zu machen.

Politiker wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Altmaier argwöhnen, der Atomausstieg sei nur eine Ausrede für Managementfehler.

Indirekt gibt ihm Teyssen Recht, wenn er sagt: „In den letzten Jahren ist es trotz zahlreicher Anstrengungen nicht gelungen, unsere Verwaltung zu vereinfachen.“ Transparentere und weniger kostenintensive Strukturen seien aber notwendig, um sich am Markt zu behaupten. „Wir können uns, nicht nur, aber vor allem in Deutschland keine unnötigen Führungsebenen, Abläufe und Doppelarbeit leisten“, so der Konzernchef.

E.ON Energie ist das beste Beispiel: Neben der Zentrale in München bestehen große regionale Einheiten, die wie E.ON Hanse in Quickborn, E.ON Mitte in Kassel oder E.ON Bayern in Regensburg eigenständige Unternehmen sind und sich gut selbst verwalten können. Eine „Zwischen-Holding“ für den Kontakt nach Düsseldorf erscheint überflüssig.

Historisch bedingte Doppelstrukturen

Doch anders als manche Politiker vermuten haben solche Doppelstrukturen nicht unbedingt mit Missmanagement zu tun. Sie sind historisch bedingt. E.ON entstand im Jahr 2000 aus dem Zusammenschluss von Veba in Düsseldorf und Viag in München. Im Gegenzug dafür, dass Düsseldorf Konzernsitz wurde, handelte die bayerische Landesregierung eine Bestandsgarantie für den Standort München aus, der mit der E.ON-Energie-Zentrale „abgefunden“ wurde. Bis 2012 sind betriebsbedingte Kündigungen bei E.ON Energie ausgeschlossen.

Der Konzern schleppt noch mehr „Altlasten“ mit sich. Die Zentrale von E.ON Kraftwerke in Hannover, wo rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt sind, führt die Tradition der alten PreussenElektra fort, des einst zweitgrößten deutschen Energieversorgers, der im Jahr 2000 in E.ON Energie aufging.

Und dass die für 180 Millionen Euro neu gebaute Hauptverwaltung von E.ON Ruhrgas in Essen mit ihren 1800 Mitarbeitern – die Düsseldorfer Konzernzentrale hat nur 1500 – etwas überdimensioniert wirkt, kommt auch nicht von ungefähr: Die 2003 übernommene Ruhrgas war knapp 80 Jahre lang ein Aushängeschild der Industrie im Ruhrgebiet.

Sauberer und besser?

Teyssen hat jetzt die Chance, die letzten Bastionen der Vorläufergesellschaften von E.ON zu schleifen. Bis November will er im Detail ausarbeiten, wo wie viele Arbeitsplätze gestrichen werden. „Außer Sparprogrammen und Personalkürzungen hat der Vorstand wohl nicht mehr viel zu bieten“, kommentiert der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Hans Prüfer.

Tatsächlich bleibt die Ende 2010 vorgestellte Unternehmensstrategie „Cleaner & better energy“, sauberere und bessere Energie, unangetastet. Um Investitionen in Windparks und Solarkraftwerke zu finanzieren und Schulden abzubauen, werden bis 2015 Beteiligungen im Wert von 15 Milliarden Euro verkauft. Ein weiteres Ziel ist internationales Wachstum, zum Beispiel in Brasilien, Indien und der Türkei. Die außereuropäischen Geschäfte sollen bis Ende 2015 statt bislang fünf stolze 25 Prozent zum Ergebnis beisteuern. „Cleaner & better“ sah außerdem – schon vor den jüngsten Ankündigungen – Einsparungen in der Verwaltung von 600 Millionen Euro vor.

Die Investitionen in erneuerbare Energien lassen sich nach außen am besten verkaufen. Trotzdem bleibt E.ON den klassischen Energieträgern treu. Ein Joint Venture mit RWE läuft auf den Bau zweier Atomkraftwerke in Großbritannien hinaus; in Finnland ist E.ON an einer Firma beteiligt, die Gleiches vorhat. In Deutschland sollen drei neue Kohlekraftwerke entstehen – auch wenn es am Standort Datteln so aussieht, als machten die Gerichte E.ON einen Strich durch die Rechnung. „Sauberer“ bedeutet nicht unbedingt richtig sauber.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.