Wenn die Pole schmelzen

Klimaforscher schlagen Alarm: Die Arktis erwärmt sich weit schneller als angenommen. In den vergangenen 20 Jahren ist der Pegel der Weltmeere um acht Zentimeter gestiegen. Auf Grönland sind die Folgen dieser Entwicklung schon heute zu beobachten.

Von Tilmann Bünz, ARD-Korrespondent Stockholm

Die Inuit merkten als erste. Sie wohnen schließlich dicht am Nordpol. Wenn die Ureinwohner von Qaanaaq, ganz oben in Grönland, auf die Jagd gingen, mussten sie früher die kurze Zeit abpassen, in der das Meer vor der Küste eisfrei war. Doch die Abstände wurden immer länger. Das Eis taute schneller und fror später zu. Das kann man in Grad und Zentimeter belegen, der Klimawandel wird zur Tatsache. Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung rechnet damit, „dass sich die Arktis um weitere vier bis sieben Grad erwärmt – noch in diesem Jahrhundert, und dass im Sommer der arktische Ozean dann eisfrei sein wird.“

Um drei Grad in nur einer Generation hat sich die Arktis erwärmt, weit schneller als der Rest des Globus. Das reichte aus, um eine Fläche von rund 990.000 Quadratkilometern aufzutauen, ein Gebiet so groß wie Frankreich und Spanien – ein Viertel des arktisches Eises. Der Prozess schreitet wesentlich rascher voran als noch vor fünf Jahren angenommen.

Erst die Tiere, dann die Menschen

Die Liste der Veränderungen ist lang. Man kann bei den Eisbären beginnen. Sie leben auf dem Eis – wenn es verschwindet, verschwinden auch sie. Ebenso wie die Robben. Aber es geht nicht nur um exotische Tierarten in fernen Gegenden. Der Klimaforscher Terry Callaghan warnt, was wir dort sehen, komme später zu uns: „Die Arktis ist das Frühwarnsystem der Welt.“

Grönland besteht zu 85 Prozent aus Eis. Wenn der Eissockel komplett
schmelzen würde, könnte der Wasserspiegel weltweit um fast sieben Meter steigen. Dafür reicht es aus, dass die Temperaturen über die nächsten Jahrhunderte nur um drei bis sechs Grad Celsius anziehen.

Industrieländer sind gefordert

Durch die großen Mengen an Schmelzwasser droht auch eine Veränderung der Meeresströme. Und in Nordeuropa könnte es kühler werden. Zwar kann der Golfstrom als Ganzes kann nicht abreißen, sagt Klimaforscher Rahmstorf, aber sein verlängerter Arm, der Nordatlantikstrom, sei gefährdet: „Wenn der abreißt, würde keine neue Eiszeit entstehen, aber es könnte zu einer spürbaren regionalen Abkühlung kommen im Nordatlantikraum, vor allem um das europäische Nordmeer herum.“

Es wird Jahrzehnte dauern, wenigstens einen Teil des ewigen Eises zu retten und nur, wenn es gelingt, den Prozess der globalen Erwärmung umzukehren. Es wäre eine Kraftanstrengung der Industrieländer im eigenen Interesse, denn das Eis an den Polkappen fungiert als Spiegel. Es wirft das Sonnenlicht zurück und schützt den Planeten vor Überhitzung.

Auch den Iniut wäre gedient. Was nützt es ihnen schon, wenn sie ganzjährig paddeln können, aber alle Eisbären und Eismeer-Robben verschwunden sind.

Original, Google Cache, archive.org

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