Erstmals Freispruch nach Hinrichtung möglich

Ein DNA-Test soll in den USA die Unschuld eines Hingerichteten beweisen. Damit könnte zum ersten Mal seit Einführung der Todesstrafe ein US-Bürger freigesprochen werden, der vor 14 Jahren trotz Unschuldsbeteuerungen wegen Vergewaltigung und Mordes auf dem elektrischen Stuhl starb.

Frank Aischmann, ARD-Hörfunkstudio Washington

Roger Coleman könnte noch Geschichte schreiben, obwohl er bereits am 20. Mai 1992 starb. Roger Coleman war wegen Vergewaltigung und Mordes an seiner Schwägerin im Jahr 1981 zum Tode verurteilt und dann hingerichtet worden. Bis zum Schluss beteuerte er, unschuldig zu sein. Und das sahen auch Hilfsorganisationen und Journalisten so. Der Fall sorgte damals für großes Aufsehen. Deshalb ließ der damalige Gouverneur von Virginia Coleman am Morgen der geplanten Hinrichtung heimlich verlegen und an einen Lügendetektor anschließen. Den Test bestand Coleman nicht.

DNA-Test soll Klarheit bringen

Heute nun, 14 Jahre später, lässt Virginias Gouverneur Mark Warner die DNA des Hingerichteten noch einmal analysieren. Die „Washington Post“ berichtet, dass die beim Mord 1981 sichergestellten Proben in einem Labor im kanadischen Toronto untersucht würden. Es ist das erste Mal, dass ein Gouverneur einen solchen DNA-Test für einen Hingerichteten angeordnet hat. Und es ist das erste Mal, dass damit im Nachhinein offiziell die Unschuld eines Hingerichteten festgestellt werden könnte.

Rückenwind für Gegner der Todesstrafe

Ein solches Ergebnis wird die Debatte um die Todesstrafe in den USA neu entfachen. Erst im Dezember hatte eine kalte Zahl im Mittelpunkt gestanden: die 1000. Hinrichtung nach Wiedereinführung der Todesstrafe 1976. Und bei dieser tausendsten Hinrichtung gab es eine Verzögerung: Es war erneut Virginias Gouverneur Warner, der einen Verurteilten begnadigte – zu lebenslanger Haft ohne das Recht auf Begnadigung.

Aber nur Tage später starb ein verurteilter Mörder in North Carolina durch eine Giftspritze. Und Mitte Dezember zeigte Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger kein Erbarmen und ließ Stanley „Tookie“ Williams hinrichten. Der verurteilte Mörder und Gründer einer Gang, der stets seine Unschuld beteuerte, wurde im Gefängnis zum Kinderbuchautor und Kämpfer gegen das Gang-Unwesen.

Immer häufiger Unschuld bewiesen

Unschuldige Menschenleben schützen und vor Gewalttaten abschrecken – das sind die beiden Hauptargumente, mit denen Präsident George W. Bush die Todesstrafe verteidigt. In dieser Meinung steht eine Mehrheit der US-Bürger hinter ihm, wie Umfragen belegen. Auffällig ist, dass die Zahl der verhängten und vollzogenen Todesurteile seit dem Jahr 2000 sank, obwohl es nicht weniger Menschen gab, die wegen Mordes verurteilt wurden.

Es gab immer häufiger Fälle, bei denen sich herausstellte, dass Unschuldige verurteilt wurden, erklärt Richard Dieter vom Informationszentrum Todesstrafe in Washington. Der Bundesstaat Illinois setzte deswegen sogar die Todesstrafe aus. Vor allem die DNA-Analyse wird in Mordprozessen ein immer zuverlässigerer Zeuge. Augenzeugen können ihre Aussagen vielleicht ändern, die DNA-Analyse ist eindeutig. Das sei die Revolution der vergangenen fünf Jahre, sagt Dieter.

„Ungerechtigkeit der Todesstrafe“

Virginias Gouverneur Warner will in den nächsten Tagen das Ergebnis der DNA-Analyse im Fall Coleman bekannt geben. Die „Washington Post“ zitiert heute die letzten Worten Colemans. Worte, die er sprach, als er schon auf dem elektrischen Stuhl saß. „Heute wird ein Unschuldiger ermordet“, sagte er. „Wenn meine Unschuld bewiesen wird, hoffe ich, dass die Amerikaner die Ungerechtigkeit der Todesstrafe ebenso erkennen, wie es alle anderen zivilisierten Länder getan haben.“

Original, Google Cache, archive.org

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