Tschechische Firma will Nordkoreanerinnen entlassen

Nach den Meldungen über die bei einem tschechischen Automobilzulieferer eingesetzten nordkoreanischen Arbeiterinnen gerät das Unternehmen nun zunehmend unter Druck. Eine Menschenrechtsorganisation hatte darüber berichtet, dass die Frauen in Tschechien von ihrem Regime ausgebeutet und überwacht werden. Der Opel-Mutterkonzern General Motors will den Fall jetzt mit einem eigenen Untersuchungsteam vor Ort klären und auch andere Automobilhersteller führen Untersuchungen durch. Dem ARD-Hörfunk in Prag hat der Chef des beschuldigten Unternehmens nun erklärt, er werde die Nordkoreanerinnen entlassen.

Von Peter Hornung, ARD-Hörfunkstudio Prag

Das Telefon von Miloslav Čermak steht derzeit nicht mehr still. Ständig rufen seine Kunden an – und die Kunden seiner Kunden. Čermak ist Chef des Textilunternehmens Snezka im ostböhmischen Náchod. Hier werden Kopfstützen und Armlehnen für Autositze genäht, die sich dann wiederfinden in Autos von VW, Opel, Ford oder Daimler-Chrysler. Genau diese Firmen zeigen sich jetzt besorgt: Dass in Čermaks Fabrik 82 junge Frauen aus Nordkorea arbeiten, haben sie aus den Medien erfahren und auch, dass diese Frauen in Tschechien von ihrem Regime offenbar ausgebeutet und überwacht werden. 70 Prozent ihres Lohnes müssten die Nordkoreanerinnen abführen, so das tschechische Innenministerium. Eine Menschenrechtsorganisation berichtet, das Geld gehe an die nordkoreanische Botschaft in Prag und komme so dem Regime in Pjöngjang zu gute. Die Arbeiterinnen würden von Vertretern des Regimes überwacht und ihre persönlichen Freiheiten beschnitten.

Der Autositze-Hersteller Johnson Controls mit Sitz im rheinländischen Burscheid hat inzwischen von seinem tschechischen Partner verlangt, dass für die Herstellung seiner Produkte keine Nordkoreanerinnen mehr eingesetzt werden. Und auch die Automobilhersteller selbst sind aktiv geworden. Der Opel- Mutterkonzern General Motors schickt ein eigenes Team nach Tschechien, um die Arbeitsbedingungen vor Ort zu untersuchen.

Was mit den Nordkoreanerinnen geschieht, ist unklar

Unternehmenschef Čermak hat nun gegenüber dem ARD-Hörfunk in Prag erklärt, er werde die Nordkoreanerinnen entlassen. Er werde in den nächsten drei Monaten neue Arbeiterinnen schulen, diese übernähmen künftig dann die Fertigung. Was mit den Nordkoreanerinnen nun geschieht, ist unklar. Tschechiens neuer Außenminister Karel Schwarzenberg jedenfalls rät zur Vorsicht, man dürfe sie nicht in Gefahr bringen: „Wenn eine sich entschließt, wegzugehen, müssen wir sozusagen ständig bereit sein, den betreffenden Personen zu helfen. Aber wenn wir die Betreffenden ausweisen, kehren sie in viel ärgere Umstände zurück als wir glauben. Wenn die in Verdacht geraten, sich mit dem Feind einzulassen, dann zahlen ihre Familienmitglieder drauf.“

Nordkoreanerinnen beteuern, freiwillig in Europa zu sein

Die Frauen haben gültige Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen. In Befragungen durch tschechische Behörden hatten sie bislang zudem immer erklärt, daß es ihnen gut gehe und dass sie freiwillig in Europa seien. Trotzdem: Das sei Fronarbeit, was die Frauen da machten, sagt die grüne Europa-Abgeordnete Elisabeth Schroedter: „Diese Frage der Freiwilligkeit kann man aber nicht überprüfen. Das Problem ist: Wenn Du zum Beispiel darauf bestehst, in Tschechien zu bleiben und deine demokratischen Rechte zu nutzen, also zum Beispiel eine freie Gewerkschaft zu gründen und nicht mehr so viel nach Nordkorea abzuführen. Das wäre dann frei. Dann würden die sofort zurückgeschickt. Und ihre Familien hätten extreme Schwierigkeiten dort. Da bin ich ganz sicher.“

Die Bedingungen, unter denen die Frauen in Tschechien arbeiten müssten, seien ein Verstoß gegen internationales Recht, so die Grüne. Dass das Unternehmen die Frauen nun entlasse, sei richtig: „Das ist vielleicht erst mal für die Frauen bitter, aber es ist nach außen hin ein deutliches Zeichen: Fronarbeit wird bei uns in der EU nicht geduldet.“

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