58 Jahre Haft für die „Skorpione“

Vier Angehörige einer berüchtigten serbischen Milizeinheit sind in Belgrad zu insgesamt 58 Jahren Haft verurteilt worden. Das entscheidende Beweismaterial war ein Video, das die Ermordung sechs junger Männer aus Srebrenica zeigt. Die „Skorpione“ hatten ihre Greueltaten selbst gefilmt.

Von Jörg Paas, ARD-Hörfunkstudio Wien

Zu insgesamt 58 Jahren Haft hat ein Kriegsverbrechertribunal in Belgrad vier Angehörige einer einstmals berüchtigten serbischen Milizeinheit verurteilt, ein fünfter Angeklagter wurde freigesprochen. In dem Verfahren ging es um die Ermordung von sechs Bewohnern der ostbosnischen Stadt Srebrenica im Sommer 1995. Es ist das erste derartige Urteil in Serbien in Verbindung mit dem Massaker in der ehemaligen muslimischen Enklave, dem seinerzeit bis zu 8000 Männer und Jugendliche zum Opfer fielen. Die Tat, um die es ging, ereignete sich allerdings an einem anderen Ort – mehr als einhundert Kilometer von Srebrenica entfernt.

Prozess als Vergangenheitsbewältigung

Entscheidendes Beweismittel in dem Prozess war ein Video, das ein Milizangehöriger selbst von der Ermordung der teilweise noch minderjährigen Opfer aufgenommen hatte. Darauf ist zu sehen und zu hören, wie Mitglieder der so genannten „Skorpione“ die sechs jungen Männer aus einem LKW schubsen, sie mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen zu einem Graben führen und sie beschimpfen und schließlich erschießen.

Dieses Video war vor zwei Jahren erstmals im Prozess gegen den serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic in Den Haag – und kurz darauf auch im serbischen Fernsehen – gezeigt worden. Damals hatte es bei vielen Zuschauern einen Schock ausgelöst. Lange Zeit hatten viele Serben nicht wahrhaben wollen, dass auch Mitglieder ihrer Nationalität Kriegsverbrechen begangen hatten. Die Fernsehbilder brachten erstmals einen Bewusstseinswandel in Gang. Noch heute gilt das Video in Belgrad als wichtiger Meilenstein auf dem Weg einer möglichen Vergangenheitsbewältigung.

„So etwas tut man nirgendwo auf der Welt“

Von den Menschen in Belgrad wird der Prozess als wichtig und notwendig angesehen. „Alle sollen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, die sich schuldig gemacht haben“, meint ein Passant. Ein anderer Mann findet, dass alle Täter bestraft werden sollten. Würde jetzt keine Härte gegenüber den Verbrechern gezeigt, entstünde das totale Chaos. „Es war eine fürchterliche Tat, so etwas tut man nirgendwo in der Welt. Es war eine schreckliche Tragödie“, bekräftigt er seine Ausführungen.

Nura Alispahic, die Mutter eines der minderjährigen Opfer von damals, hat den Prozess in Belgrad über weite Strecken verfolgt. Auf dem Weg in den Gerichtssaal vor der Urteilsverkündung erklärte sie verbittert: „Kein Urteil bringt mir mein Kind zurück.“ Die Angeklagten verliessen das Gefängnis eines Tages, aber ihren Sohn sehe sie nicht wieder, schlussfolgert Alispahic traurig.

Skorpion-Prozess als Testfall

Das Verfahren gegen die fünf ehemaligen „Skorpione“ gilt als wichtiger Testfall dafür, wie die serbische Justiz generell die Kriegsverbrechen der 90er Jahre aufarbeitet. Das Gericht blieb in seinem Urteil deutlich unter dem Strafmaß, das der Staatsanwalt für die fünf Angeklagten gefordert hatte. Zwei der Angeklagten müssen 20, einer 13 und einer fünf Jahre hinter Gitter.

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