„Ich gehöre zu den Säulen des Staatswesens“

Von Frank Thadeusz, tagesschau.de

Manche sagen, der Mann sei ein Phantom. In jedem Fall ist Jakob Maria Mierscheid ein Phänomen: Seit 25 Jahren hält es der Sozialdemokrat als Abgeordneter auf der harten Bestuhlung des Deutschen Bundestages aus. Wo genau der Jubilar – seines Zeichens Schneidermeister ade – sitzt, weiß freilich niemand so genau. Der Parlamentarier, der sich so gern mit altmodischem Vatermörder und Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart unters Volk mischt, ist ohne Frage ein Urgestein des hohen Hauses. Nur: Wer hat ihn je gesehen? Dass Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinem altgedienten Genossen zum Jubiläum einen Blumenstrauß überreicht, ist entsprechend nicht vorgesehen. Immerhin: Die Parlamentsbuchhandlung will an Mierscheid „gebührend erinnern“.

Debatten fast regelmäßig geschwänzt

Mutmaßlich ist der Buchladen genau der richtige Ort, um den nickelbebrillten Politiker zu würdigen: Mierscheid gilt laut Bundestags-Folklore als „scharf denkender, bodenständiger und unprätentiöser Hunsrücker“. So scheint der Mann aus Morbach zwar seit seinem Jungfernauftritt vor dem Parlamentspult im Dezember 1979 regelmäßig sämtliche Debatten und Ausschusssitzungen zu schwänzen. Dafür glänzt Mierscheid in schöner Regelmäßigkeit mit originellen wie geistreichen Textbeiträgen. Schon deshalb gehen wohl Vorwürfe von Parlamentskollegen fehl, die den Senior mit dem gestürzten CDA-Chef Hermann-Josef Arentz vergleichen.

1983 erschütterte der wundersame Abgeordnete die deutsche Demoskopie gar in ihren Grundfesten: Mit dem inzwischen legendären Mierscheid-Gesetz glaubte dessen Schöpfer, die Wahlergebnisse der SPD annähernd exakt voraussagen zu können. Die Methode scheint so simpel wie genial: „Der Stimmenanteil der SPD bei Bundestagswahlen richtet sich nach dem Index der der deutschen Rohstahlproduktion in den alten Ländern – gemessen in Mio. Tonnen – im jeweiligen Jahr der Bundestagswahl“. Die Statistik zeigt: Der von Mierscheid beobachtete Zusammenhang steht wohl unfraglich im Range eines Naturgesetzes. „Eine Prognose, die auf dem Erkennen von Gesetzmäßigkeiten aufbaut, ist umso präziser, je weniger sie mit Computerprogrammen und umso mehr sie mit Nachdenken verbunden ist“, resümierte der für seinen Durchblick Gerühmte selbstbewusst.

Stoibers Niederlage vorhergesagt

Ähnlich zwingend äußerte sich Mierscheid in einem Zehn-Punkte-Papier zu den Wahlchancen des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber: „Warum der Kandidat Kandidat bleiben wird“, spekulierte er keck und enthüllte: Nie in der Geschichte der Bundesrepublik sei ein Kanzler älter als sein Vorgänger gewesen. Ein weiteres Ergebnis der verblüffenden Analyse: Der Anfangsbuchstabe des Kanzlernamen könne sich zwar wiederholen, analysierte Mierscheid, „aber er wechselt immer. Daraus folgt: Auf ein S kann kein S folgen“. Mit derlei erstaunlichen Erkenntnissen im Rücken adelte sich Mierscheid selbst stolz: „Ich bin weder eine Erfindung noch ein Patent, ich bin die Lösung.“

Aus der Provinz ins Parlament

Tatsächlich blickt der kuriose wie obskure Parlamentarier Mierscheid auf eine beachtliche Karriere zurück. Sein Heimatort Morbach im Hunsrück war 1939 gerade mal von etwa 140 Einwohnern bevölkert – da war Mierscheid gerade sechs Jahre alt. Doch Schritt für Schritt arbeitete er sich heraus aus der Provinz und hinein ins Parlament. Dazwischen lagen eine Schneiderlehre, die Mitgliedschaft im Kleintierzüchterverein und das beharrliche Engagement für die Gewerkschaft Landwirtschaft und Forsten. Im Parlament gehörten die Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube zu seinen Arbeitsschwerpunkten.

Inzwischen 71-Jährig, könnte sich Jakob Mierscheid längst auf Altenteil begeben. Die Pension ist gesichert: Nach einem Vierteljahrhundert als Abgeordneter im Deutschen Bundestag steht ihm eine Alterentschädigung von gut 4800 Euro zu. Viele Parlamentskollegen halten ihn ohnehin für entbehrlich, da de facto nicht vorhanden. Doch Mierscheid will weitermachen. „Er ist immer noch zwei Jahre jünger als Konrad Adenauer war, als der das erste mal Bundeskanzler wurde“, sagt ein anonymer Freund des raren Abgeordneten. Jakob Mierscheid selbst hält sich außerdem für kaum ersetzbar, behauptet er doch: „Ich bin eine Säule des Staatswesens.“

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