Das saubere Leben am Verkündigungs-Ring

Auf der Suche nach behütetem Wohnen in Kleinstadt-Atmosphäre zieht es US-Amerikaner verstärkt in Retortenstädte. In Florida lockt nun eine besondere Form dieser Projekte: Ave Maria – Kleinstadt samt Eliteuniversität. Und alles rein katholisch.

Von Ina Ruck, WDR, ARD-Studio Washington

Der Weg nach Ave Maria führt meilenweit durchs Nichts. Durch Plantagen, durch Felder, durch die endlosen Sümpfe Südfloridas. Und plötzlich ist man da. „Gegründet 2007“ steht stolz auf dem Schild. Dabei ist Ave Maria längst nicht fertig.

Die Uni allerdings steht schon. Gegründet wurde die neueste amerikanische Privatuniversität von einem Mann, der alles verkauft hat für den Traum von der eigenen katholischen Hochschule. „Endlich“, sagt Tom Monaghan, „meine Gebete sind erhört worden. Wir haben den richtigen Ort für Ave Maria.“

Seelenrettung durch den Pizza-Millionär

Mit einer Pizzakette ist Monaghan zum Multimillionär geworden, katholisch war er schon immer. Jetzt sei es Zeit, etwas zurückzugeben und anderen zu helfen bei der Erlösung, findet Monaghan: „Ich will Seelen retten. Ich habe so viel von Gott bekommen, ich will jetzt meinen Mitmenschen etwas geben. Am besten helfe ich ihnen, in den Himmel zu kommen und die Hölle zu vermeiden.“

Eine Eliteuni soll Ave Maria einmal werden – mit allen gängigen Fachrichtungen. Die nagelneuen Gebäude bieten Platz für 6000 fromme Studenten, 600 haben sich bisher eingeschrieben. Wegen der Werte seien sie hier, sagen alle. Manche meinen das sehr ernst: „Ich überlege noch, ob ich Nonne werde, oder ob ich doch heirate“, berichtet eine Studentin. „Es gibt hier so ein Programm, da kann man das Nonne-Sein ausprobieren. Ich habe ein wenig Angst vor der Entscheidung, aber ich will offen sein für alles. Hier sind viele Mädchen, die sich das überlegen, das ist großartig.“

Auch eine andere Studentin wird wohl diesen Weg einschlagen: „Meine Mutter hat mir das vorgeschlagen. Du könntest gut Nonne werden, hat sie gesagt. Ich war erst total dagegen, aber dann habe ich gedacht – warum nicht? Vielleicht will Gott ja, dass ich genau das tue.“

Die Wohnheime sind nach Geschlechtern getrennt, mit festen Besuchszeiten. Alle hier finden das in Ordnung. Jeweils zu dritt wohnen sie auf zehn Quadratmetern. Damenbesuch im Männerheim geht nur für ein paar Stunden am Wochenende – und bei weit geöffneter Tür.

Andrew hat eine Verlobte auf dem Campus, die wohnt natürlich im Mädchenheim. In seinem Männerzimmer haben sie es gemütlich gemacht. „Ich denke, so wie Ave Maria sollte eigentlich die ganze Welt sein“, sagt Andrew. „Natürlich ist es gut, viele unterschiedliche Menschen um sich herum zu haben, wir sollten auch niemanden ausschließen. Aber wenn es eine gemeinsame Glaubensgrundlage gibt, dann finde ich das gut.“

Noch fehlt der Segen aus Rom

Johannes-Paul-der-Zweite-Boulevard oder Verkündigungs-Ring heißen hier die Straßen. Und die Kirche kann nicht groß genug sein. Denn zum Projekt Ave Maria gehört auch die Stadt Ave Maria – auch wenn die Kirche erst mal nur „Oratorium“ heißen darf , solange Rom nicht seinen Segen gibt.

Noch wird gebaut, aber die Innenstadt – nach italienischem Vorbild – ist fast fertig. Eine gute katholische Stadt soll es werden, das jedenfalls wünscht sich Gründer Monaghan. Bisher ist es eher eine Geisterstadt. „Ach was, man braucht nur ein wenig Phantasie“, sagt Blake Gable von der Baufirma. „In ein paar Monaten öffnen hier die ersten Geschäfte. Stellen sie sich das ganze Angebot vor – Souvenirs, Spielwaren, Supermärkte, da vorne kommt eine Zahnarztpraxis hin.“

Elftausend Häuser sollen es werden

Blake Gable ist Projektmanager. Seine Firma zieht rund um die Uni eine schlüsselfertige Stadt hoch – auf Anregung der katholischen Unigründer, aber auf eigene Kosten. Elftausend Häuser und Wohnungen sollen es einmal werden. Ein Multi-Millionenprojekt, perfekt geplant. Und mit Häusern in allen Preiskategorien.

Damit zukünftige Ave-Marianer sich auch vorstellen können, wie gut es sich leben lässt in der Retortenstadt, ist ein Musterhaus schon komplett eingerichtet. Kosten wird ein Haus wie dieses umgerechnet nur rund 200.000 Euro. Bisher gehen sie dennoch überraschend schleppend weg. Blake Gable will sich deshalb auf die Katholiken allein nicht mehr verlassen. „Es gibt doch tausende von Orten auf der ganzen Welt, die religiöse Namen haben“, sagt er. Ave Maria sei natürlich keine rein katholische Stadt. Darauf hätte er sich auch nie eingelassen. „Wissen Sie, ich unterschreibe ja hier die Kaufverträge. Es gibt da keine Zensur oder so was. Wir wählen doch nicht aus, ob jemand katholisch ist.“

Zukunftsvision beim Rosenkranz

Dabei war es mal anders geplant. Und wenn es nach den Stuarts ginge, könnte die Auswahl ruhig strenger sein. Denn gerade wegen des katholischen Umfeldes sind Thomas und Marieanna Stuart mit ihren Kindern ja von Kalifornien nach Ave Maria gezogen. Noch wohnen sie zur Zwischenmiete in der Nähe, aber sie zählen schon die Tage bis zum Einzug. „Vor einem halben Jahr war hier gar nichts, nur Felder“, berichtet der stolze Familienvater. „Ich habe meinen Rosenkranz genommen und gebetet, und ich konnte schon damals durch die leeren Felder hindurch sehen, wie es einmal aussehen würde.“

Familien wie die Stuarts hat der Gründer von Ave Maria sich wohl gewünscht. Marienna stammt aus Kuba und unterrichtet Spanisch, Thomas ist pensionierter Verkehrspolizist. Als sie von Ave Maria erfuhren, haben sie alles verkauft und sind gekommen – vom anderen Ende Amerikas. „2600 Meilen bin ich gefahren“, sagt Thomas Stuart. „Für uns war die Entscheidung klar.“

Ganz oben auf der Liste stünden für sie moralische Werte, sagen die neuen Stadtbewohner, deshalb seien sie hergekommen: „Wir wollen, dass unsere Kinder in einer katholischen Umgebung aufwachsen. Denn das wird viele Dinge in ihrem Leben frühzeitig bestimmen.“ Noch sind die Stuarts ziemlich allein auf weiter Flur. Aber, so hoffen sie, bis zum Einzug im November sind ein paar gleichgesinnte Nachbarn da.

Am liebsten übrigens hätte man in Ave Maria die Moral gleich in Gesetze gegossen: keine Kondome, keine Abtreibungen, nur züchtige Filme im Fernsehen. Doch das geht selbst im gottesfürchtigen Amerika zu weit. Auch in Ave Maria gelten weltliche Gesetze.

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