Inszenierung oder humanitäre Krise?

Nachdem die Israelis aus Sicherheitsgründen die Grenzübergänge gesperrt und kein Öl mehr in den Gaza-Streifen geliefert hatten, mussten die Palästinenser gestern Abend nach eigenen Angaben das einzige Kraftwerk abschalten. Doch die Israelis glauben nicht an die Versorgungsprobleme. Sie meinen, die radikal-islamische Hamas habe die Krise nur inszeniert. Aus Brüssel appellierte EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner an die israelische Führung, die Öl- und Hilfslieferungen in den Gaza-Streifen wieder aufzunehmen. Die kollektive Bestrafung der Bevölkerung im Gaza-Streifen lehne sie ab.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Die Menschen seien noch nervöser, angespannter, aggressiver geworden, berichten Augenzeugen in Gaza-Stadt. Die meisten Bäckereien seien seit gestern Nachmittag geschlossen, es fehle den Geschäften an Strom sowie Mehl zum Backen. Zuvor hätten sich dichte Menschentrauben um die Verkaufsstände gebildet, mitunter sei es zu Rangeleien gekommen. Großfamilien benötigten etwa 30 bis 40 Fladenbrote pro Tag.

Vor einer der wenigen Bäckereien, die die Bevölkerung noch mit Brot versorgen können, sagt eine ältere Frau, die in der Schlange steht: „Lasst uns in Ruhe. Wir wollen leben. Bitte lasst uns leben. Das Volk möchte leben. Lasst unsere Länder in Ruhe. Es reicht uns mit den Demütigungen. Wir möchten leben. Wir müssen unsere Kinder alleine lassen, um hier in der Reihe zu stehen, damit wir Brot kaufen können.“

Sarkastisch antwortet dieser Mann in Gaza-Stadt, der gleichermaßen auf Brot wartet, auf die Reporterfrage nach der humanitären Lage mit einem arabischen Sprichwort: „Je schlimmer es wird, desto höher sind die Chancen, dass es besser wird. Wenn es besser sein wird, kommt auch der Sieg.“

Hamsterkäufe habe es ebenfalls gegeben bei Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Zucker und Nudeln. Das Leben sei so schlimm wie nie zuvor geworden, beklagt ein Fischer im Hafen von Gaza-Stadt: „Das Meer, das Land, der Himmel sind geschlossen. Alles ist geschlossen. Es gibt kein Benzin, also können wir nicht arbeiten. Die Fischer sitzen hier herum. Sie haben kein Geld, um sich irgendwas zu kaufen. Gefischt wird nicht.“

Blackout im Gaza-Streifen

Am Sonntag um 20.00 Uhr hatten die Betreiber des einzigen Elektrizitätswerkes im Gaza-Streifen, das im Sommer 2006 von der israelischen Luftwaffe zerstört und seitdem behelfsmäßig in Gang gesetzt worden war, den Strom abgestellt. Mindestens 800.000 Menschen säßen nun im Dunkeln, erklärte anschließend der Generaldirektor des Werks.

Alles eine Inszenierung?

Die israelische Regierung wirft der herrschenden Hamas vor, künstlich eine humanitäre Krise erzeugen zu wollen, um den Druck der internationalen Gemeinschaft auf Israel nach einem Ende der Blockade aufzubauen. Außenamtsprecher Arya Mekel begründet: „Israel liefert 70 Prozent des Stroms im Gaza-Streifen über reguläre Stromkabel. Es gibt keine Verbindung zwischen dieser Sache und der Frage der Benzinlieferungen von Israel an den Gaza-Streifen. Jetzt liegt es an der Hamas. Wenn sie damit aufhört, Kassam-Raketen in den Süden Israels abzufeuern, wird sich die Lage wieder normalisieren.“

Krisensitzung in Ramallah

Die palästinensische Regierung in Ramallah im Westjordanland kam unterdessen zu einer Krisensitzung zusammen. Es gebe nur ein Thema, kündigte einer der Fatah-Minister wartenden Reportern an: „Es geht vor allem um die Vorgänge in Gaza oder um die israelischen Verbrechen in Gaza, die Eskalation der israelischen Verbrechen in Gaza.“ Palästinenserpräsident Machmud Abbas forderte Israel auf, die Benzin- und Kochgas-Lieferungen in den Gaza-Streifen wieder aufzunehmen sowie die Grenzübergänge zu öffnen.

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