Tollkühne Männer in ihren geölten Hosen

Die Muskelpakete in der Arena von Edirne glänzen in der Sonne – das liegt nicht an der Hitze, sondern an großzügig aufgetragenem Oliven- und Sonnenblumen-Öl. Seit hunderten von Jahren messen Männer beim Öl-Ringer-Turnier ihre Kräfte. Das Spektakel lockt tausende Zuschauer an, auch fast nur Männer.

Von Steffen Wurzel, ARD-Hörfunkstudio Istanbul, zurzeit in Edirne

Die Lautstärke in der Öl-Ringer-Arena am Stadtrand von Edirne ist unglaublich. Zahlreiche Trommler stehen am Rand der Rasenfläche und verbreiten eine martialische Stimmung. Auf dem Rasen messen sich gerade dutzende Ringer im Kampf. Jeweils zwei Männer stehen sich gebückt gegenüber, sie haben die Arme auf die Schultern des anderen gelegt. Andere liegen aufeinander, wieder andere wirken wie zusammengeknotet.

Dabei glänzen die Ringer in der Sonne, denn sie sind von Kopf bis Fuß eingeölt. Als einziges Kleidungsstück tragen sie die traditionelle Lederhose. Bevor der Kampf beginnt, müssen die Ringer zu einem der Einöler – auf Türkisch Yagci. Einer von ihnen ist der 38-jährige Riza Ürütükcü. Er erläutert seine Tätigkeit: „Wir gießen das Öl aus Kannen über die Ringer. Die reiben sich dann damit ein. Außerdem reiben die beiden Ringer jeweils ihrem Gegner den Rücken ein. Auch auf die Lederhose, die Kispet, gießen wir Öl. Und auch unter der Hose, zwischen den Beinen, werden die Ringer eingeölt.“

Der Einöler Riza Ürütükcü (Foto: Steffen Wurzel)
Der Einöler Ürütükcü sorgt für den geschmeidigen Ablauf des Turniers… (Foto: Steffen Wurzel)

Bei dem Ringer-Turnier verwendetes Öl (Foto: Steffen Wurzel)
… dies gelingt mit Unmengen von großzügig verteiltem Pflanzenöl. (Foto: Steffen Wurzel)

Einer der Ringer ist Suat Süren. Er hat heute seinen ersten Kampf schon hinter sich – er hat ihn gewonnen. „Ich habe meinen Gegner zu Boden gedrückt, mit einem speziellen Griff: Ich habe ihm zwischen die Beine gegriffen, ihn hochgehoben und dann auf den Boden gepresst. Nach gerade mal fünf Minuten oder so war der Kampf vorbei,“ erzählt er stolz.

„Das ist ein Männersport“

Die Zuschauer feiern die Tage während des jährlichen Öl-Ringer-Turniers in Edirne wie ein Volksfest. Tausende Menschen sind zur Arena in den Stadtteil Kirkpinar gekommen. Frauen sind dabei kaum zu sehen. Und wenn, dann stehen sie vor allem an den Musikbühnen, den Kirmes-Attraktionen oder an den Fressbuden. Warum das so ist? Der 41-jährige Zuschauer Sezgin hat dafür eine einfache Erklärung: „Das ist ein Männersport! Basketball oder Handball – das schauen sich auch Frauen an. Aber Öl-Ringen doch nicht!“

Ringer der Schwergewichts-Klasse (Foto: Steffen Wurzel)
Die muskulösen Männer locken tausenden Zuschauer an – wie diese Ringer der Schwergewichts-Klasse (Foto: Steffen Wurzel)

Sezgin ist mit einem Freund zum Öl-Ringer-Festival gekommen. Ihre Ehefrauen sind zu Hause im 500 Kilometer entfernten Bursa geblieben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Jahr für Jahr auch viele Schwule zum traditionellen Öl-Ringer-Turnier fahren, um sich die eingeölten, gestählten Männerkörper anzuschauen. Für Sezgin ist das kein Problem. „Mich stört das nicht, wenn die hier herkommen. Ich schaue mir hier die Öl-Ringer an und der Rest ist mir egal. Solange die Schwulen hier kein Theater machen und mich und die Athleten und die Schiedsrichter nicht nerven.“

Breite Brust seit 650 Jahren

Der Ringer Suat wartet derweil auf seinen nächsten Kampf. Mit einigen Kollegen sitzt er unter einem Baum außerhalb der Arena und ruht sich aus. Er wirkt ein bisschen müde. Doch das wird sich ändern, sagt Suat. Und zwar sobald er das Stadion betritt. „Wenn man hier in die Arena marschiert – diese ganzen Zuschauer! Da kriegt man automatisch eine breite Brust! Das findet hier seit 650 Jahren statt. Wenn Du hier einen Titel holst, wirst Du zum unsterblichen Helden!“

Zuschauer auf der Tribüne in Edirne (Foto: Steffen Wurzel)
Seit 650 Jahren findet das Turnier in Edirne schon statt. (Foto: Steffen Wurzel)

Die traditionelle Lederhose der Ringer, die Kispet (Foto: Steffen Wurzel)
Immer dabei – die traditionelle Lederhose der Ringer, die Kispet (Foto: Steffen Wurzel)

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